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Alexander von Humboldt
und die Entdeckung der Natur

Vor uns die Wüste, am nahen Horizont die schneebedeckten Andengipfel. Diese zauberhafte Landschaft hätte Alexander von Humboldt auch fasziniert. Er war zwar nie in der Atacama-Wüste – wo wir gerade sind -, aber er hatte auf seiner berühmten Südamerikareise Andengipfel bestiegen, Regenwälder durchquert und war von der üppigen Flora und Fauna ebenso begeistert wie von kargen Steppen- und Wüstenlandschaften, die wir hier im Norden Chiles vorfinden. Besonders schlugen ihn Vulkane und Geysire in seinen Bann – auch die erleben wir hier geradezu hautnah. Alles hat er systematisch erforscht, aber im Gegensatz zu anderen Naturforschern war Humboldt nicht darauf aus, Objekte zu sammeln und in Kategorien zu stecken. Vielmehr interessierten ihn die großen Zusammenhänge in der Natur und zwischen Kosmos, Natur und Mensch. Humboldt neu zu entdecken und seinen modernen Blick auf die Natur zu begreifen, ist das Verdienst der großartigen Humboldt-Biographie von Andrea Wulf. Seit ich sie gelesen habe, sehe auch ich die Natur mit etwas anderen Augen.

Aguas Calientes mit Blick auf die Anden

Eine neue Sicht auf Humboldt

Ein ganz Großer der Forschung, ein leidenschaftlicher Reisender und ein visionärer Denker wird gerade wiederentdeckt. Zuerst in Form eines Romans „Die Vermessung der Welt“ von Daniel Kehlmann. In ihm wird Humboldt so geschildert, wie wir ihn zu kennen glauben: als detailversessener, rastloser Naturforscher, der fünf Jahre lang (1799-1804) abenteuerliche Reisen durch Südamerika unternommen hat, allen voran die berühmte Besteigung des Chimborazo in Ecuador.

Doch die Biographie von Andrea Wulf eröffnet uns eine neue, umfassendere Sicht auf Humboldt, sein Leben, seine markante Persönlichkeit und seine schier unglaubliche Lebensleistung. Vor allem aber auf sein visionäres Denken, das bis heute wirksam ist – oft, ohne dass uns das (bis heute) bewusst war. Humboldt, ein Gelehrter des 19. Jahrhunderts, wird zum Vorreiter der Moderne des 21. Jahrhunderts.

Was ist so modern, so aktuell an ihm?

Er war Universalgelehrter in einer Zeit, in der sich die wissenschaftlichen Disziplinen durch immer größere Spezialisierung und Abgrenzung auszeichneten. Er hingegen bezog Politik (er pflegte z.B. enge Kontakte zu Thomas Jefferson, dem dritten Präsidenten der Vereinigten Staaten), Literatur (er war u.a. eng mit Goethe befreundet), Geschichte und Kunst stets in seine Untersuchungen mit ein. Vielleicht noch wichtiger: Sein Verständnis von Systematik und wissenschaftlicher Präzision schloss Gefühle und Fantasie nicht aus. Er war im Gegenteil zunehmend davon überzeugt, dass beides nötig sei, um die Natur, ja die Realität überhaupt in ihrer Ganzheit zu begreifen. Sein Arbeitsstil war interdisziplinär, er war schon damals weltweit vernetzt. Zu seinen größten Leistungen zählt, dass er die Naturwissenschaft verständlich und populär gemacht hat. So hat er in Berlin Vorträge gehalten, die für alle Kreise der Bevölkerung offen waren – so wie heute ein öffentlich zugängliches Studium Generale. Wen wundert’s, dass diese Vorträge stets hoffnungslos überfüllt waren.

Aguas Calientes

Der kritische Zeitgenosse

Er wollte also – um mit Goethes Faust zu sprechen – wissen, „was die Welt im Innersten zusammenhält“. Dabei sah er nirgendwo einen Gott als Ursprung allen Seins, sondern begriff die Natur und ihre Wirkungszusammenhänge aus sich selbst heraus. Er war Atheist – zu einer Zeit, als dies noch sehr unpopulär war. Und er war ein scharfer Kritiker der Kirche: Ihn hat empört, wie sehr sie in das brutale Unterdrückungssystem der spanischen Kolonialmacht eingebunden war, wie Priester zu Tätern wurden, wenn sie beim Umgang mit Einheimischen deren elementarsten Menschenrechte missachteten. Er hatte ein waches, kritisches Auge auf die verheerenden Folgen des Kolonialismus und der Sklaverei und die Verelendung der einheimischen Völker. All das wirkt, wie wir wissen, bis heute nach.

Ein Mann der Widersprüche

Dabei war Humboldt sicher kein bequemer Zeitgenosse. Er war ein Getriebener, unglaublich wissbegierig, darin rast- und ruhelos. Er wusste, dass er bei seinen Expeditionen immer wieder sein Leben aufs Spiel setzte, war aber kein Abenteurer um des Abenteuers willen. Zeitgenossen schildern ihn als blitzgescheit mit einem famosen Gedächtnis, im Gespräch aber zu endlosen Monologen neigend. Er war zu vielen hilfsbereit, konnte aber auch sehr schroff und arrogant sein. Politisch war er ein Kind der Aufklärung, glaubte an Freiheit, Gleichheit, Toleranz und den Wert der Bildung. Andererseits war er als Kammerherr des Königs von Preußen eingebunden in seine adelige Herkunft. Trotz schwächelnder Gesundheit in jungen Jahren wurde er übrigens 89 Jahre alt. Je mehr er sich draußen in der Natur forderte, bis an seine körperlichen Grenzen ging, desto gesünder wurde er.

Ein Vordenker der Ökologiebewegung

Schon zu Lebzeiten hochberühmt und geachtet, beeinflusste Humboldt viele der größten Denker, Literaten und Wissenschaftler seiner Zeit, darunter maßgeblich Charles Darwin. Was ihn bis heute jedoch so folgenreich macht, ist seine „Entdeckung der Natur“: Humboldt erklärte als erster die grundlegende Bedeutung des Waldes für Ökosysteme und Klima, mehr noch, er beschrieb präzise, wie sich das Klima durch den menschlichen Raubbau an der Natur ändert – und warnte vor den unabsehbaren Folgen für Mensch und Natur. Insofern kann er als Vordenker und „Vater der Umweltbewegung“ (Andrea Wulf) gelten.

Salar de Atacama

Auf den Spuren Humboldts

Andrea Wulf, eine deutsch-britische Historikerin, ist selbst auf Humboldts Spuren gereist. Sie meinte, das persönliche Nachempfinden seiner Lateinamerika-Reise gehöre beim Schreiben über Humboldt einfach dazu. Sie hat mich davon überzeugt. Was mich als vergleichsweise harmlos und bequem Reisenden persönlich besonders an Humboldt fasziniert, ist seine Haltung, die nüchternes, rationales Denken mit dem tiefen persönlichen Erleben verbindet, erleben wir doch hier in der chilenischen Atacama-Wüste und in den Anden beides: unser Bemühen, Klimazonen, Salzwüsten, Vulkane und Geysire besser zu verstehen und sich dem Zauber der Natur hinzugeben.

El-Tatio-Geysir auf über 4.200 Metern

Andrea Wulf: Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur. Bertelsmann-Verlag, München 2016, E-Book-Ausgabe.

2 Kommentare

  1. Jochen sagt

    Sowohl der Artikel als auch die Bilder ergänzen einander wunderbar. Beide zusammen lassen meine inneren Bilder über Naturerfahrungen und die dazugehörigen Gefühle auf Reisen gehen.

  2. Hannah-Sophia sagt

    Ein sehr schöner Artikel 🙂
    Die Fotos sind traumhaft schön. Die Natur überwältigend.

Wir freuen uns über Eure Kommentare!