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„Atlas eines ängstlichen Mannes“ von Christoph Ransmayr

„Geschichten ereignen sich nicht, Geschichten werden erzählt.“ Mit diesem einfachen, aber klugen Satz leitet Christoph Ransmayr die Sammlung seiner 70 kurzen Erzählungen aus aller Welt ein. Zugleich erinnert er uns daran, dass wir fast alles, was wir von der Welt zu wissen glauben, nur aus Erzählungen – oder Berichten, Dokumentationen etc. – kennen. Und dass wir das, was wir selbst erlebt haben, zu unseren Geschichten machen, wir also letztlich alle Geschichtenerzähler sind. Und dass man selbst raus muss in die Welt, um zu schauen, zu beobachten, zu verstehen, sich ein eigenes Urteil zu bilden.

Ransmayr war selbst viel unterwegs, ist viel gereist. Er hat sich dabei an Orte begeben, die oft unscheinbar, aber meist unbequem sind, ist viel gewandert, hat sich teilweise extremen Bedingungen, oft auch Gefahren ausgesetzt. Jeder neue Ort setzt auch eine neue Geschichte in Gang. Dabei ging es ihm offenkundig gerade nicht um die Exotik des Fremden oder Berichte über Sehens- bzw. Merkwürdigkeiten. Eher um Alltägliches, das sich oft erst auf den zweiten Blick erschließt und meist interessanter und anregender, mitunter sogar wundersamer ist als das, was uns häufig als sensationell vermittelt wird. So spielen sich einige seiner Erzählungen auch in seiner Heimat Österreich ab und haben offenkundig autobiographische Bezüge. Man muss man nicht unbedingt weit reisen, um sich in die Nähe des Fremden zu wagen.

Überall, wo er war, hat er genau beobachtet: wie ein Maler (oder Photograph), der vor dem ersten Pinselstrich (der Aufnahme) sehr genau hinschaut, beginnt er seine Episoden mit einer akribisch genauen, detaillierten Betrachtung. So beginnen sie denn auch alle mit der gleichen Formulierung „Ich sah…“. Einmal mehr wird deutlich, wie subjektiv alles Erlebte ist, zumal, wenn es zur Erzählung wird.

Dabei verharrt Ransmayr nicht bei kleinformatigen Szenenbildern, er verliert sich nicht im Detail, nein, er schlägt immer wieder den Bogen zum großen Ganzen – zu Geschichte, Politik, Krieg, Kult und Religion. So weitet sich der Blick, die Erzählung bekommt fast nebenbei einen Rahmen. Auch hierbei wirkt alles sehr sorgfältig recherchiert, kenntnisreich, ohne vorschnelle Bewertung und Einordnung. Es ist diese Genauigkeit im Detail und im Großen, die mich beim Lesen – und Vorlesen – immer wieder fasziniert hat. Allerdings: einfach ist seine Sprache nicht, seine durchaus kunstvolle Art zu schreiben, fordert den Leser bzw. die Leserin.

Was mich auch beeindruckt hat, ist die wortmächtige, durchaus eigenwillige und kunstvolle Sprache, die dort, wo es der Genauigkeit dient, auch stets begrifflich präzise und sachkundig ist. Worthülsen, abgegriffene Sprachbilder und Klischees werden souverän umschifft, die Phantasie kräftig anregt. So entstehen eindringliche Bilder im Kopf des Lesers. Man meint fast, dabei gewesen zu sein, einige der Menschen, um die es in den Geschichten geht, werden einem schnell vertraut. Gleichzeitig aber weiß man, wie fern uns die Akteure der jeweils beschriebenen Weltgegend bleiben werden, sei es Orte in Peru, China, Malaysia, Nepal, Südafrika oder Tibet (um nur einige zu nennen).

Ich habe mir für diese 70 Erzählungen Zeit gelassen, ganz bewusst, weil jede für sich steht. Zudem fordern die stetigen Wechsel der Orte – häufig wechselt auch der Kontinent von Episode zu Episode – den Leser. Insgesamt entsteht daraus ein literarischer Atlas oder Weltatlas eines Mannes, der sich im Titel ängstlich nennt. Wenn man die Geschichten alle gelesen hat, klingt das eher eigenartig. Vor allem aber ist Ransmayr ein überragender Erzähler und ich freue mich schon jetzt auf weitere Bücher von ihm. Prädikat: Besonders lesenswert!

Christoph Ransmayr: Atlas eines ängstlichen Mannes, S. Fischer Verlag, 2012, E-Book Ausgabe.

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