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Der Schreiber, das Huhn und die Kirche

Was bleibt hängen von einer Reise? An was erinnern wir uns auch noch nach Jahren? Was vergessen wir dagegen schnell? Diese Fragen stellen wir uns immer öfter, sind wir doch inzwischen seit fast 16 Monaten in der Welt unterwegs – und schon jetzt können wir die vielen Eindrücke gar nicht mehr verarbeiten. Deshalb fand ich es besonders interessant, in Mexiko an einen Ort zurückzukehren, an dem ich vor 27 Jahren schon einmal war: San Cristobal de las Casas. Und ich erinnerte mich an drei Dinge sehr intensiv: den Schreiber, das Huhn und die Kirche.

Doch zunächst zu der Reise an sich. Damals war ich 21 und nach der Zwischenprüfung an der Uni mit meiner Reisefreundin Gracia unterwegs in Mexiko und Guatemala. Für mich war es damals der erste Flug überhaupt, vorher hatte ich vier Wochen in der Fabrik gearbeitet, um mir das Ticket leisten zu können. Und während ich das so schreibe, komme ich mir ein ganz klein wenig aus der Zeit gefallen vor. Wer kann sich heute noch vorstellen, im Erwachsenenalter das erste Mal zu fliegen?

Auch die übrigen Reisebedingungen klingen so als wäre ich in der Steinzeit unterwegs gewesen: Es gab weder Internet noch Mobiltelefone oder Tablets. Und trotzdem funktionierte alles: Wenn wir mit dem Bus irgendwo ankamen und unsere großen backpacker-Rucksäcke aufsetzten, standen immer irgendwelche jungen Männer mit einem Moped herum und warben für ein Hostel. Manchmal hatten wir vorher schon in den lonely planet geschaut – den gab es auch damals schon – und manchmal vertrauten wir einfach dem sympathischsten Typen. In der Unterkunft zahlten wir mit Bargeld, denn Kreditkarten für Studentinnen gab es damals nicht. Wir hatten travelers cheques dabei, die wir immer im Bauchgurt trugen, damit wir sie irgendwann gegen Bargeld tauschen konnten. Und weil das öffentliche Telefon nie ging und es E-Mails noch nicht gab, schickte ich meinen Eltern hin und wieder ein Telegramm, dass es mir gut geht. Das hatte ich vorher versprochen.

Und nun zu meinen Erinnerungen, die ich an San Cristobal de las Casas habe – und was es heute noch davon gibt:

Der Schreiber

1990: Auf der großen Plaza in der hübschen Bergstadt sitzen gleich mehrere Männer mit Schreibmaschine unter den Arkaden. Es fällt mir auf, weil auch ich vor der Reise zuhause an der Schreibmaschine (!) saß und eine Seminararbeit geschrieben hatte. Erst die Magisterarbeit schrieb ich am Computer, damals kam gerade der Commodore 64 auf den Markt. Die Schreibmaschine des alten Mannes in Mexiko ist natürlich deutlich älter als meine Schreibmaschine in Nürnberg. Doch sie tut ihren Zweck. Neben dem Mann steht eine indigene Frau mit einem Brief in der Hand. Er sieht irgendwie amtlich aus, sie zeigt den Brief dem Mann, fragt ihn etwas und redet auf ihn ein, und dann tippt er langsam in die Tasten. Nach einer Viertelstunde ist der Antwortbrief fertig, und die Frau bezahlt. Und auch bei mir fällt der Groschen: Sie ist Analphabetin, kann weder lesen noch schreiben und braucht seinen Lese- und Schreibdienst.

2017: Wie sieht das heute aus? Chiapas, der mexikanische Bundesstaat, in dem San Cristobal de las Casas liegt, ist nach wie vor eine der ärmsten Regionen Mexikos und hat mit knapp 15 % eine der höchsten Analphabeten-Raten des Landes. Den Schreiber haben wir dieses Mal trotzdem nicht mehr gesehen. Vielleicht gibt es ihn noch, aber nicht mehr unter den Arkaden auf der Plaza. Da ist inzwischen ein Schmuckladen, eine Bank und ein schickes Café. Im bolivianischen Sucre dagegen gab es ihn noch auf der Plaza.

Unter den Arkaden und auf der Plaza: Früher saß hier der Schreiber, heute die Touristen

Das Huhn und die Kirche

1990: Es ist Sonntag Vormittag, und mit einem Sammelbus fahren wir hinaus nach Chamula. Der Ort liegt nur zehn Kilometer von San Cristobal de las Casas entfernt und ist bekannt für seinen Markt und die Kirche. Fast alle Einwohnerinnen und Einwohner sind indigen und leben ihre Tradition sehr bewusst – und das macht diesen Ort so besonders. Schon der Markt fasziniert Gracia und mich, doch noch viel spannender wird es in der Kirche. Von außen sieht sie ganz normal wie jede andere katholische Kirche in Mexiko aus. Innen merken wir aber sofort, dass hier etwas anders ist: Zwar gibt es einen Altar und Heiligenfiguren, aber es fehlen die gesamten Kirchenbänke. Stattdessen ist der Boden mit Gras und Baumnadeln bedeckt, und überall sitzen und knien Menschen. Sie zünden Kerzen an und stellen sie auf den Boden und murmeln Gebete vor sich hin. Zwei Bäuerinnen haben auch ein Huhn dabei. Wir sind uns nicht so ganz sicher, ob es tot oder lebendig ist, aber die beiden schwenken es über ihrem Kopf hin und her und stoßen zwischendurch Rufe aus. Ein Fruchtbarkeitsritual? Ein Dank für eine gute Ernte? Wir wissen es nicht, aber wir sind fasziniert.

2017: Der Ort ist immer noch berühmt für seinen Sonntagsmarkt und seine Kirche. Wir fahren also auch dieses Mal hin, allerdings mit dem Mietwagen. Auf dem Markt geht es noch ähnlich wuselig zu wie damals, wahrscheinlich sind heute aber noch mehr Touristen hier als vor 27 Jahren. Die Kirche hat sich ihren Charme bewahrt, ist ganz klar die Attraktion schlechthin im Ort geworden. Überall hängen Hinweisschilder, dass man keinesfalls im Innern fotografieren darf. Wer sich nicht daran hält, muss damit rechnen, dass seine Kamera konfisziert wird. Eigentlich ist das mal ganz gut. Uns gehen die vielen Menschen, die ständig selfies machen ohnehin schon auf die Nerven. Und der besondere Zauber im Innern der Kirche lässt sich sowieso mit keiner Kamera einfangen. Sie ist übrigens noch genauso wie vor 27 Jahren. Nur das Huhn haben wir dieses Mal nicht gesehen. Aber ich bin mir sicher, dass es das Ritual noch gibt.

Sonntagsausflug nach Chamula: Markt und Kirche ziehen damals wie heute viele Besucher an

8 Kommentare

  1. Sabine Roßdeutscher sagt

    Liebe Elke, lieber Wolfgang,
    also Eure Berichte werden gelesen und zwar mit Begeisterung. Manchmal lese ich ein paar Wochen nach, wenn ich vorher wenig Zeit hatte, aber ich habe seit Mai 2016 keinen einzigen verpasst. Ich falle beim Lesen immer so schön ein paar Minuten aus dem Alltag heraus-:)
    Viele liebe Grüße von Sabine (ebenfalls reisefreudig) aus dem momentan schwülwarmen Herzogenaurach

    • Hallo Sabine,
      dein toller Kommentar kommt wie gerufen, denn wir fragen uns tatsächlich manchmal, ob unser Blog eigentlich gelesen wird. Also DANKESCHÖN! Es freut uns sehr, dass du uns eine Rückmeldung gibst und dass du durch unseren Blog hin und wieder dem Alltag entfliehen kannst. Vielleicht lernen wir uns ja mal persönlich kennen, wenn wir zurück sind?

      • Sabine sagt

        Hallo Ihr,
        ja, das wäre schön. Obwohl wir uns nicht kennen, seid Ihr mir durch Euro oft so nachdenklichen Beiträge (wie Wolfgangs kurz nach Weihnachten beispielsweise) schon ans Herz gewachsen. Grüße von Sabine

  2. gUDRUN sagt

    Liebe Elke,
    Ich war auch in dieser Kirche …und genauso fasziniert. Schön, dass es noch immer ein Ort nur für die Erinnerungssynapsen ist !

  3. Judith Leypold sagt

    Hallo liebe Elke, das ist ein wirklich schöner Bericht – die anderen waren auch teilweise interessant für mich – aber dieser ist richtig rührend; deshalb jetzt einmal ein spontaner Kommentar.

    • Liebe Judith, wie schön, von Dir zu hören! Ich freue mich immer sehr über Rückmeldungen. Tut gut, zu wissen, dass die Berichte tatsächlich gelesen werden. Liebe Grüße – auch von Wolfgang

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