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Die Schönen von Melbourne

Schönheit ist bekanntlich keine Frage des Alters. Von zwei Schönen will ich hier schwärmen: Die eine ist schon 161 Jahre alt, die andere gerade mal wenige Jahre. Die Rede ist von zwei Bibliotheken in Melbourne, die mich begeistert haben, obwohl sie unterschiedlicher kaum sein könnten: Die eine, die State Library 0f Victoria, wurde 1856 eröffnet, ist ein repräsentativer Prachtbau und gilt als schönste klassische Bibliothek Australiens. Die andere ist ein Musterbeispiel für eine Bibliothek des 21. Jahrhunderts, besticht durch ihre überzeugende Architektur, ihr Konzept und die exzellente Lage am Ufer des rundum modernisierten Hafenbeckens von Victoria Harbour in Melbournes Docklands: die städtische Library at The Dock.

Eine stolze Dame, altehrwürdig und quicklebendig

Die State Library of Victoria ist Australiens älteste öffentliche Bibliothek und eine der ersten frei zugänglichen Bibliotheken der Welt. Was den Gründern wichtig war, ist, wie ich finde, aktueller denn je. Sie glaubten daran, dass der freie, ungehinderte Zugang zu Wissen entscheidend für die Entwicklung einer bürgerschaftlichen und florierenden Gesellschaft sei und konzipierten die Bibliothek als „the people’s university“ – ein Ort des Lernens und Entdeckens für alle Einwohner von Victoria – dem Bundesstaat, dessen Hauptstadt Melbourne ist.

Das Gebäude selbst liegt mitten im lebendigen Geschäftszentrum der Stadt, ist innen wie außen ein eindrucksvoller klassizistischer Bau, dessen Höhepunkt der große Kuppelsaal – „the majestic Dome“ – ist, der über alle Stockwerke geht und einen altehrwürdigen Lesesaal beherbergt. Hier ist die Bibliothek noch ganz ein Tempel des Wissens und der Gelehrsamkeit. Darüber hinaus bietet die Staatsbibliothek aber weitere zahlreiche große, sehr modern ausgestattete Lese-, Lern- und Studierräume, die gerade bei jungen Leuten überaus populär sind. Als wir dort waren, war jedenfalls richtig viel los.

Die junge Hübsche in bester Lage

Die Library at The Dock ist ein hochmoderner Neubau der Stadt Melbourne – und damit eine von fünf über die Innenstadt verteilten Citybibliotheken. Von außen besticht sie durch ihre gegliederte Holzfassade, die ganz aus recyceltem Material der Docklands besteht und damit den historischen Kontext aufgreift, oder, wie es im O-Ton heißt, „given new life to the local area`s historical past“. Dahinter verbirgt sich nicht, wie üblich, eine Stahlbeton-Konstruktion, sondern das ganze Gebäude ist aus Holz gebaut und – worauf sie hier erkennbar stolz sind – Australiens nachhaltigstes und umweltfreundlichstes öffentliches Gebäude.

Betritt man die Bibliothek, so fällt sofort auf, dass dort nicht die Bücher bzw. Medien im Mittelpunkt stehen, sondern der lernende Mensch und sein Bedürfnis nach Orten, wo er ungestört lesen und arbeiten kann. So versteht sich das ganze Haus als „interactive, high-digital learning environment“ und bietet auf allen drei Etagen ruhige Studierplätze, Lese-Lounges, aber auch Räume für den nachbarschaftlichen Austausch, Begegnung, Kunst, Kultur und Spiel. So findet man dort zum Beispiel digital visualisierte Pläne der Baugeschichte und -zukunft der Docklands, interaktive Kunstausstellungen, ebenso aber Spielkonsolen für die „Gamerszene“ und – Tischtennisplatten. Spätestens hier wird klar: Diese Bibliothek ist weit mehr als ein herkömmlicher „Büchertempel“. Sie ist ein Treffpunkt für die Bürgerschaft, egal welchen Alters, welcher sozialen Lage oder welcher Herkunft. Und kommerzfrei.

Das absolute Highlight dieser Bibliothek ist ihre „exklusive“ Lage direkt am modernen Fähr-, Segel- und Motorboothafen, so dass man von überall im Gebäude auf diese wunderschön-maritime Umgebung blicken kann. So exklusiv platziert können öffentliche Gebäude, die auf Inklusion ausgerichtet sind, wohl nur im wohlhabenden Melbourne mit seinen vier Millionen Einwohnern sein. Sie zeigen aber auch, welche zentrale Rolle Bibliotheken in der Stadtplanung und -entwicklung spielen, die an Zielen ausgerichtet sind wie Lebensqualität, Nachhaltigkeit, bürgerschaftliches Engagement und Mut, sich den Herausforderungen der Zukunft zu stellen.

Die Welt nach Victoria bringen

Das gilt übrigens ebenso für das moderne Selbstverständnis der State Library of Victoria. In deren Vision heißt es, dass sie darauf ziele, eine größere Rolle im Leben einer immer vielfältiger werdenden Gesellschaft zu spielen, dass sie ein Ort für alle sein will in einer sich ständig verändernden Gesellschaft, die laufend Anregungen für neue Möglichkeiten sucht, sich weiter zu entwickeln. Und dass sie die Welt nach Victoria bringen will. Ich finde, schöner kann man es kaum sagen.

P.S. Es versteht sich fast schon von selbst, dass beide Bibliotheken kostenfrei genutzt werden können.

3 Kommentare

  1. Wolfgang Eckart sagt

    Liebe Gudrun, super, dass dich der Artikel so angesprochen hat. Beide Bibliotheken sind auch Lieblingsplätze von vielen jungen Melburnians. Übrigens: Ich bin mir fast sicher, dass denen unsere Stadtbibliothek Zentrum in Nürnberg auch gut gefallen würde, da sie einen wundervollen Blick auf die Altstadt samt Burg zu bieten hat. Noch dazu, wo diese derzeit wohl verschneit ist…

    • gUDRUN sagt

      Lieber Wolfgang, du hast natürlich recht: mit dem Blick über Altstadt und Burg ist die Nürnberger Stadtbibliothek auch ein Highlight! …nur für den Schnee müsste man inzwischen schon bis weit Richtung München sehen können 😊

  2. gUDRUN sagt

    Wow – da kriegt man gleich Lust sich auf den Weg in die Bibliothek zu machen! (aussichtstechnisch kann Nürnberg leider nicht ganz mithalten 😊)
    Super interessanter Artikel mit – …I’m a fan…- wie immer tollen Bildern.
    DANKE!

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