aktuelle Reisenotizen
Kommentare 4

Elisa und Roy,
Hornby Island

25. August. Wehmütiger Abschied von Hornby Island, vor allem von Elisa und Roy, unseren großzügigen Gastgebern. Wir sitzen im IslandLinkBus nach Victoria, der Hauptstadt von British Columbia, etwa 200 Kilometer weiter südlich. Gerade entdecke ich den aktuellen Farewell-Facebook-Post von Elisa, die uns erst vor einer Stunde über Denman Island an die Fähre nach Buckley Bay gefahren hatte. Wir sind wieder on the road. Zwei schöne, abwechslungsreiche Wochen auf Hornby sind vorbei. Zwei Wochen, in denen wir nicht nur die wunderschöne kleine Insel erkundeten, sondern auch so etwas wie kanadisches Landleben erleben konnten. Einfach und gut.

Couchsurfen

Rückblick: Ohne unsere Tochter Lisa wären wir nie nach Hornby Island gekommen. Sie war gegen Ende ihrer fünfmonatigen Work & Travel-Kanadareise als Couchsurferin unterwegs und bei Elisa und Roy die erste, die das dort machte. Sie war zwar nur drei Tage dort – aber so begeistert von den beiden, dass sie uns aufgetragen hat: „Da müsst ihr hin, die müsst ihr kennen lernen“. Elisa ihrerseits erzählt die Geschichte so, dass sie von Lisa so angetan war, dass sie auch den Papa und seine Frau kennen lernen wollte. Da auf ganz Hornby Island aber zu der Zeit weder ein Zimmer noch ein Campingplatz zu haben sei, müssten sie halt mit ihrem Camper auf ihrem Grundstück übernachten.

 

Mit diesem Ziel und mit einer handgeschriebenen Liste (!) von Lisa, was wir nach ihrer Rückreise nach Deutschland auf Hornby Island alles unternehmen und anschauen müssen, sind wir mit dem Campervan hingefahren. Wir haben Elisa und Roy kennen und schätzen gelernt – und ich will sie euch kurz vorstellen:

Elisa

Elisa ist in Vancouver geboren, ist selbstbewusst und zupackend, herzlich und offen und sagt, was sie denkt. Sie hat schon viel von der Welt gesehen, war in jungen Jahren längere Zeit in Indien und ist mit ihrem Ex-Mann auf einem eigenen 28Fuß-Kutter ein Jahr um die Welt gesegelt. Sie hat zwei Söhne von ihrem zweiten Mann, liebt Musik und fährt gerne Motorrad – so hat sie sich während unseres Aufenthalts eine ältere, sehr schöne und knallgelbe 750er Honda gekauft. Eigentlich hat sie Media Resources studiert, dann aber festgestellt dass das nicht ihr Ding ist. Um sich das Studium zu finanzieren, fing sie mit der professionellen Fischerei an – und blieb dabei hängen. Elisa selbst beschreibt das so: „Fishing enabled travel and an interesting assortment of other opportunities. I met my first husband Bryan, when I was looking to buy my own fishboat… so I could be Captain. Instead I fell in love with a boatbuilder and became part of his dream to sail the world.“ Heute arbeitet sie bei BC Ferries.

Roy

Roy aus dem englischen Manchester ist lebenslustig, voll Schalk (wie ihr auf dem Bild ganz oben seht) und britischem Humor und ein guter Geschichtenerzähler. Über Politik kann man prima mit ihm streiten – er hält nämlich gar nichts davon! Fällt der Name Trump, so erinnert er daran, was für ein Typ Georg Bush war. „They’re all the same!“ Da er auch schon viel herumgekommen und auch mal in Deutschland gelebt und gearbeitet hat, spricht er auch etwas Deutsch – worauf er ein bisschen stolz ist. Sein ganzer Stolz aber ist, dass er Musiker mit eigener Band ist, die auch immer wieder auf Hornby Island auftritt. Wenn sie loslegen, so erzählt Roy sehr gerne, dann rocken sie ihr Publikum und alles tanzt. Die „Roy Slack Band“ bzw. die „Tongue ‚N Groove“ kann man sich übrigens auch bei YouTube reinziehen. Der Motorrad-Freak kam vor etwa 30 Jahren nach Hornby Island, wollte dort eigentlich nur ein paar Tage bleiben, lernte Elisa kennen, wurde ansässig und baut jetzt dort Häuser – natürlich auch die auf dem eigenen Grundstück. Er ist gelernter Chemiker und Ingenieur, Allround-Handwerker und liebt offenkundig das kreative Chaos in seiner Werkstatt.

Wohnen im Wald

Haus und Grund liegen in einem Waldstück, das Elisa und Roy selbst erst vor ein paar Jahren gekauft haben. Alles, was dort heute an Häusern, Schuppen und Garten zu sehen ist, haben sie selbst gebaut bzw. angelegt. Sie begannen buchstäblich damit, den Wald zu roden und lebten die erste Zeit in einem Camper, um den sie herum dann allmählich ihr Wohnhaus gebaut haben, dann eine Werkstatt mit zwei Zimmern darüber und schließlich noch eine Art Musikstudio für Roy und seine Passion für Rock und Folk. Das alles ist auch noch im Werden. Aber der schöne Garten ist schon ziemlich weit gediehen mit all den Gemüsebeeten, aus denen täglich Kräuter und frischer Salat, Kohl, Tomaten und weiteres Gemüse geerntet werden können. Nicht zu vergessen die Hühner, die den beiden fleißig frische Eier liefern.

Diese Art des Lebens und Wohnens scheint mir typisch für Nordamerika: Man probiert vieles aus, ständiger Wandel und Neuanfänge sind normal, Lebensläufe voller Umwege und Brüche. Das sieht man auch am Beispiel des Wohnens: Man zieht für ein paar Jahre dorthin, dann wieder woanders hin, vieles wirkt bewusst unfertig, improvisiert. Man klebt nicht am Eigentum. Einen schönen Spruch dazu hab ich gestern aufgeschnappt: „Owns a man a house or owns the house a man?“ Andererseits knüpft man da, wo man sich niedergelassen hat, neue Freundschaften und soziale Netzwerke, weil man sehr offen dafür ist. Hier jedenfalls ist das Haus immer offen für Freunde und sogar für Fremde wie uns. Uns gefällt das…

Housekeeping bei Freunden

Wir haben uns bei den beiden gleich sehr willkommen gefühlt: Abends saßen wir in einer großen Runde am Feuer, lernten viele neue Leute kennen, die wir dann anderntags am Strand auf der kleinen Insel wieder trafen. Sie boten uns spontan ihr Kajak an, mit dem wir dann mehrere Stunden rumgepaddelt sind – alles sehr unkompliziert. Dann mussten wir zurück nach Vancouver, um dort unseren Camper abzugeben und blieben gleich eine Woche dort. Obwohl die Stadt ja als besonders schön gilt, haben wir uns zunehmend  auf die Rückkehr nach Hornby Island gefreut. Wo wir dann nochmals zehn Tage blieben und für eine knappe Woche Haus und Hof hüten durften, da die beiden eine Motorradtour in den nahen Nordwesten der USA machten. Housekeeping nennt man das hier: sich um die schon etwas betagte Hündin Kira kümmern, zwei Katzen und vor allem die vier Hühner füttern, den Garten wässern…

Für uns fühlte es sich ein wenig wie „Alltagsleben“ auf Hornby Island an: Wir hatten zwei Mountainbikes und ein Auto zum Einkaufen im Coop zur Verfügung, brachten den Müll zum Recyclinghof (wo übrigens sehr strikte Mülltrennung praktiziert wird) und lernten den „Freestore“ der Insel kennen. Dies ist ein von der Community geführter Laden, den man sich als permanente Tauschbörse für Gebrauchtes denken kann: Man kann (muss aber nicht) etwas mitbringen und sucht sich Sachen aus, die man umsonst mitnehmen kann, seien es Kleidungsstücke, Haushaltsgeräte oder Spielzeug. Sogar ein Buchladen ist integriert. Das Ganze wird von Ehrenamtlichen gemanagt, die hier wie sonst auch in verschiedenen Bereichen der Community eine wichtige Rolle spielen. Überhaupt haben wir den Eindruck, dass die Community der etwa 800 Insulaner gut funktioniert.

Und als wir samstags klassische Musik im Park und sonntags Livemusik im wunderschönen Obstgarten der nahen Bakery hörten, und montags am Strand mit vielen Einheimischen zusammen die partielle Sonnenfinsternis sahen, die über Nordamerika sichtbar war, fühlten wir uns fast schon wie Insulaner.

4 Kommentare

  1. Eva-Maria Singer sagt

    Da würde ich mich gerne zu Dir beamen, lieber Wolfgang: Seattel, Public library and Grunge. Kurt Cobain: It’s better to burn out than to fad away. Sehnsuchtsvolle Grüße Eva

  2. Kurt sagt

    Lieber Wolfgang, leicht verspätet möchte ich Dir noch zum Start ins neue Lebensjahr gratulieren. Ich wünsche euch Beiden für die restlichen Stunden in Kanada noch viel Spass und dann ebenfalls viele schöne Erlebnisse und Kontakte in den USA. Herzlichst Kurt

  3. Eva-Maria Singer sagt

    Lieber Wolfgang,wo an der Westküste Nordamerikas beginnst bzw begehst Du Deinen Geburtstag? Die allerherzlichsten Wünsche für ein Jahr, das sich häufig an deiner Zeit auf Hornby Island orientiert und dir lebendige Bewegung mit umfassendem Angekommensein (kann es etwas Schöneres geben?) bringt. Sonnige Morgengrüße aus good old Franconia Eva

    • Liebe Eva, danke für deine Geburtstagsgrüße, die mich tatsächlich als erstes erreicht haben! Wir sind heute noch in Victoria/Vancouver Island. Morgen geht’s mit dem Schiff von hier nach Seattle, wo ich mir ganz fest die Public Library vorgenommen habe, die du mir ja wärmstens empfohlen hast. Viele liebe Grüße über’n Teich, Wolfgang

Wir freuen uns über Eure Kommentare!