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„Frühstück mit Kängurus“ von Bill Bryson

Weder der Name des Autors (ein US-Bestsellerautor, oh mein Gott!;-) noch der deutsche Titel klingen vielversprechend. Eines von vielen seichten Reisebüchern, könnte man denken. Und dennoch habe ich Bryson’s Buch mit großem Vergnügen gelesen. Warum? Nun, Bryson hat sich auf zahlreichen Reisen durch Australien und durch sorgfältige Recherchen, darunter auch zu heiklen Themen, kundig gemacht, dies aber in sehr menschliche Geschichten verpackt. Er ist ein glänzender Erzähler, ausgestattet mit viel Witz und Ironie. Tatsächlich habe ich bei der Lektüre immer wieder lauthals über seinen skurrilen Humor gelacht. Und als Reise- und Wissenschaftsjournalist verkörpert er die angelsächsische Tugend, auch komplexe Sachverhalte unterhaltsam rüberzubringen.

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel „In a Sunburned Country“ und trifft es ebenso wenig, worum es in dem Buch geht. Er stellt nämlich gleich zu Beginn fest, wie ignorant der Rest der Welt mit Australien umgeht, wenn es den Kontinent auf Kängurus, Ayers Rock, das Great Barrier Reef, das Opera House von Sydney und AC/DC reduziert. Dann vielleicht noch die beliebten Horror-Geschichten über hochgiftige Spinnen und Schlangen, gefräßige Krokodile und Haie. Letztere greifen ja bekanntlich gerne Surfer an, um sie dann zu verspeisen. So oder so ähnlich kommt Australien ja bei uns meist in den Medien vor – wenn überhaupt. Oder wüsstet Ihr, wie der derzeit amtierende Premierminister Australiens heißt? (Malcolm Turnbull)

Ein hartes Land!

Das mit den Gefahren – alles Quatsch? Nein, natürlich nicht! Die zehn giftigsten Schlangen leben alle in Australien, und die Würfelqualle (die es ihm angetan hat) kann einen Menschen augenblicklich ins Jenseits befördern. Und während ich dies schreibe, wird in den Medien darüber berichtet, dass ein deutsches Urlauber-Ehepaar sich im Outback der Northern Territories verlaufen hat und in der mörderischen Hitze umgekommen ist. Zweifelsohne ist dies ein hartes Land, wenn man den schmalen südöstlichen Küstenstreifen des zivilisierten Australien (das wir bereisen) verlässt und sich in die schier unendliche Leere und die glühende Weite des Outback begibt.

Ein altes Land!

Aber es ist eben mehr. Eben weil wir so wenig darüber wissen, hier ein paar erstaunliche Fakten: Australien ist das sechstgrößte Land der Erde und der einzige Kontinent, der auch ein Land ist. Trotz seiner riesigen Ausmaße leben dort nur insgesamt etwa ebenso viele Menschen wie in Peking (23 Millionen). Es ist die Heimat des größten lebenden Wesens auf Erden, des Great Barrier Reef. Und es ist alt. Seit 60 Millionen Jahren hat sich Australien geologisch praktisch nicht verändert. Deshalb kann man hier viele der ältesten Dinge sehen, die man je auf Erden fand: Felsen und Fossilien, früheste Tierspuren und, ja, die ersten Zeichen des Lebens selbst.

Wem ‚gehört‘ Australien?

Und vor vielleicht fünfundvierzigtausend Jahren (genauer weiß man das immer noch nicht), also lange, bevor es moderne menschliche Wesen in Europa oder gar Amerika gab, „drang ein zutiefst rätselhaftes Volk ein, die Aborigines.“ Man weiß nicht, wo sie hergekommen sind, klar ist nur, dass sie über’s Meer gekommen sein müssen“, schreibt Bryson.“Das heißt dann aber auch (und das hat mich dann doch verblüfft, Anm. d.V.), dass sie mindestens dreißigtausend (!) Jahre vor allen anderen Menschen hochseetüchtige Schiffe gebaut und damit erfolgreich nach Australien ausgewandert sind. Diese Leistung ist so einzigartig und ungewöhnlich, so schwer zu erklären, dass die meisten Geschichtsbücher sie mit ein, zwei Absätzen abtun und dann gleich zur zweiten, besser dokumentierten Invasion übergehen, die 1770 mit der Ankunft von James Cook (…) begann.“

Noch heute wird dieser Tag, der 26. Januar, als nationales Ereignis, als Australia Day überall groß gefeiert. Dumm nur, dass holländische Seefahrer 150 Jahre zuvor schon da waren. Aber so ist das halt mit der „nationalen Identität“ – irgendetwas muss halt als Gründungsmythos herhalten. Fairerweise muss man sagen, dass dieses Datum rund um den Australia Day 2017 öffentlich durchaus kontrovers diskutiert wurde.

Die Aborigines, das ‚unsichtbare Volk‘

Bryson erzählt die Geschichte Australiens aber nicht nur aus der Perspektive der weißen Siedler. Er ergreift kenntnisreich und leidenschaftlich Partei für die viel älteren Bewohner, die  Aborigines: Obwohl sie die älteste erhaltene Kultur der Erde haben, seien deren grandiose Kulturleistungen nie hinreichend anerkannt worden, Im Gegenteil. Seit der Besiedlung durch Weiße wurden sie diskriminiert und ihre Zahl durch Krankheiten, Auseinandersetzungen und Massaker drastisch dezimiert. Erst seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts sind sie – zumindest formal – rechtlich gleichgestellt. Dass viele von ihnen sich in der Welt der Weißen nach wie vor nicht zurecht finden, führt unter anderem dazu, dass sie in ihrem ureigenen Land ein Leben am Rande der Gesellschaft führen, oder, wie Bryson schreibt, das „unsichtbare Volk“ sind. Auch wir sehen nur selten „Indigene“ (so die moderne Bezeichnung), und wenn, dann als Straßenmusiker in der Ecke einer Einkaufspassage.

Auch hier muss man fairerweise hinzufügen, dass in den Städten und Landschaften, die wir bereist haben, sehr viel getan wird, um die Erinnerung an das Erbe der Aboriginal-Stämme wach zu halten: Kaum eine auffällige Landmarke, wo nicht ein erläuterndes Schild darauf hinweist, welche Rolle dieser Ort für die Ureinwohner über Jahrzehntausende (!) gespielt hat und noch heute spielt.

Unbedingt lesenswert

Mein Fazit: Kein üblicher Reiseführer, sondern ein launig geschriebenes, aber hintergründiges Buch, das Lust macht auf den fünften Kontinent, seine Menschen und ihre Geschichten. Meine Empfehlung: unbedingt lesenswert!

Bill Bryson, Frühstück mit Kängurus. Australische Abenteuer. E-Book, W. Goldmann Verlag, München

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