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Kreative Szene und bewegte Geschichte: Valparaíso

Vom ersten Augenblick an sind wir  begeistert von Valparaíso.  Obwohl wir bei unserer Ankunft vor drei Tagen – nach einer neunstündigen Busfahrt über die Anden – ziemlich erschöpft waren. Und obwohl wir von strömendem Regen begrüßt wurden. Doch unser kleines Bed and Breakfast in der chilenischen Hafenstadt ist richtig schnuckelig und liegt im schönsten Stadtteil der chilenischen Hafenstadt: Auf dem „Cerro Alegre“, einem der 42 Hügel der Altstadt, die seit 2003 zum Weltkulturerbe der UNESCO zählt.

Enge Gassen und steile Stufen, farbenfrohe Häuser und kreative Streetart, kleine Hotels und gemütliche Cafés, tolle Blicke auf Hafen und Meer an klaren Tagen sogar auf den Aconcagua, den höchsten Berg Amerikas  das alles macht das besondere Flair dieser Stadt aus, die schon viele Künstler und Intellektuelle in ihren Bann gezogen hat.

Bunte Häuser und Treppen im „Cerro Alegre“:

Verschachtelte Altstadt

Am ersten Morgen nach unserer Ankunft haben wir schönes Wetter und lassen uns durch die verwinkelten Gassen in unserem Viertel treiben. Wir laufen bergauf und bergab, biegen um viele Kurven und Ecken – und hinter jeder wartet eine neue Überraschung: ein wunderbar restauriertes Haus, ein atemberaubender Blick, eine hippe Galerie oder eine cool bemalte Wand. Und manchmal stehen wir plötzlich vor einem  „Ascensor“, wie die Standseilbahnen hier heißen. Mit ihm fahren wir von der hügeligen und weit ausgedehnten Altstadt hinunter in den flachen und schmalen Geschäftsbezirk von Valparaiso.

Unterwegs in der Altstadt von Valparaiso:

Frisch renovierte Standseilbahn, der Ascencor „El Peral“:

Geschäftsviertel und Trolleybus in der „Unterstadt“:

Bewegte Geschichte

Unten angekommen machen wir am Nachmittag eine Stadtführung mit tours4tips, bei der wir jede Menge über die bewegte Geschichte der chilenische Hafenstadt erfahren: Die Bucht wurde im Jahr 1536 vom spanischen Seefahrer Juan de Saavedra entdeckt und dieser nannte sie wie sein andalusisches Heimatdorf Valparaíso, also „Paradies-Tal“. Zunächst entstand ein unbedeutendes Fischerdorf mit kleinem Hafen, doch zu Beginn des 19. Jahrhunderts kam der Aufschwung. Der chilenische Kongress  der heute übrigens in Valparaíso sitzt – beschloss, den Hafen für den freien Handel zu öffnen. Und so wurde Valparaiso, der erste größere Hafen nach der Umfahrung von Kap Hoorn, zu einem der wichtigsten Häfen im Pazifik.

Javier zeigt uns seine Stadt: 

Ab 1848, der Zeit des Goldrauschs in Kalifornien, machten sich zehntausende Glückssucher aus Europa auf den Weg nach Amerika. Sie kamen aus Spanien, Portugal, Frankreich, England, Italien oder Deutschland, und etliche von ihnen gingen nach der langen Schiffsreise schon in Valparaíso von Bord. Ein Schmelztiegel der Kulturen entstand, Cafés wurden eröffnet, Handelshäuser und Banken wurden gegründet, die goldenen Zeiten begannen.

Der Hafen von Valparaíso am Pazifik:

Der wirtschaftliche Aufschwung fand sein Ende mit dem schweren Erdbeben im Jahr 1906, das 6.000 Menschenleben forderte und die Stadt fast völlig zerstörte. Kaum war sie halbwegs wieder aufgebaut, wurde im Jahr 1914 der Panamakanal eröffnet und Valparaíso war für die internationalen Handelsrouten nicht mehr wichtig. Einzig die Marine blieb hier und spielte später eine höchst unrühmliche Rolle: Der Militärputsch in Chile im Jahr 1973 gegen den demokratisch gewählten sozialistischen Präsidenten Salvador Allende nahm seinen Anfang im Hafen von Valparaiso.

Politische Wandbilder

Heute wird in etlichen Murales, wie die großen politischen Wandgemälde hier genannt werden, an die Zeit der Militärjunta von 1973 bis 1990 unter Augusto Pinochet erinnert. Natürlich spielt auch aktuelle Politik eine große Rolle, zum Beispiel der Kampf für ein besseres öffentliches Bildungssystem.

Große Wandgemälde mit politischer Botschaft:

Bunte Streetart

Darüber hinaus gibt es unglaublich viel bunte, kreative, witzige, abstrakte oder realistische Streetart auf Mauern, Türen, Treppenstufen, Kiosken  oder auf dem Wagen der Müllabfuhr. Und wie wir bei der Stadtführung erfahren, hat sich das Verhältnis zwischen den Hausbesitzern und den Künstlern ganz gut eingespielt. Viele Eigentümer finanzieren die „Kunst am Bau“ sogar und können dafür beim Motiv mitreden.

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Und hier noch zwei Streetart-Künstler bei der Arbeit:

7 Kommentare

  1. Pingback: „Puerta Escondida“ in Valparaiso | WELTREISE-logbuch.de

  2. Annette sagt

    Schön, dass ihr euch so wohl fühlt in Chile. Wir reisen im September nach Chile. Alejandros Mutter wird 90 und bei dieser Gelegenheit treffen wir uns ALLE das erste mal in Chile! Besucht weiter südlich unbedingt eine Therme.oder geht zu natürlichen vulkanischen Quellen. . Bei uns ist es die erste Woche Frühling…. der hat auf sich warten lassen!abrazos… Annette

    • Ja, unsere erste Woche hier war wirklich ganz wunderbar – trotz des sehr herbstlichen Wetters. Ich hab ehrlich gesagt nicht damit gerechnet, dass es auch immer gleich so kalt wird… freut uns, dass Ihr auch noch eine Reise nach Chile vor Euch habt in diesem Jahr. Großes Familientreffen zu schönem Anlass… am Mittwoch fliegen wir hoch in die Atacamawüste, da werden wir dann Deinen Tipp mit dem Bad in vulkanischen Quellen umsetzen…abrazos tambien de Elke y Wolfgang

  3. Bartl, Alfred udn Brigitte sagt

    Hallo liebe Elke und lieber Wolfgang – das ist GANZ GANZ GROßE KLASSE, was ihr berichtet und wie ihr das Ganze zusätzlich durch unglaublich tolle Fotos dokumentiert.!!!
    DANKE!
    Wir freuen uns immer, von euch zu hören und virtuell an eurer Weltreise ‚teilnehmen‘ zu dürfen.
    Weiterhin alles Gute für euch!
    Liebe Grüße
    Freddy und Brigitte

    • Hallo Ihr Zwei und ganz lieben Dank für den schönen Kommentar. Tut sehr gut, denn ich hab so lange an dem Artikel herumgebastelt wie nie. So was nennt man dann wohl Schreibblockade… Habt Ihr auch einen Urlaub geplant? In Europa beginnt ja jetzt die schöne Jahrszeit. Hier ist es dagegen richtig Herbst mit viel Regen und durchaus kühlen Temperaturen. Und am Mittwoch fliegen wir hoch in die Atacamwüste, wo es nachts richtig kalt sein wird. Bin gespannt… Herzliche Grüße und bis bald mal wieder am Bodensee

  4. Kurt sagt

    Hallo Elke und Wolfgang, vielen Dank für den ausführlichen und reich bebilderten Bericht über euren Besuch in Valparaiso. Wenn ich den Bericht so lese, dann kommen die Erinnerungen hoch von der schweren Zeit für Chile, welche im September 1973 mit dem faschistischen Putsch begann. Ich kann mich noch sehr gut an die Diskussionen mit Wolfgang über die Erfolgsaussichten des Staatsstreichs in den ersten Tagen erinnern. Ich bin froh, dass Chile heute wieder so viel Lebensfreude ausstrahlt. Euch weiterhin alles Gute dort unten, liebe Grüße aus Nürnberg, Kurt

    • Lieber Kurt, danke für deine aufmerksamen Zeilen! Ja, auch bei mir werden da viele Erinnerungen an den 9/11 von Chile wach, zumal wir gestern bei einer Stadtführung in Santiago vor dem Präsidentenpalast standen, der von Pinochets Truppen zusammengeschossen wurde, nachdem Allende ein Ultimatum abgelehnt hatte, ins Ausland zu fliehen. Die schrecklichen Folgen für ihn und das Land sind uns ja bekannt: 17 Jahre bleierne Zeit (übrigens 5 Jahre länger als die NS-Herrschaft). Vielleicht schreib ich noch was darüber… Grüße von Wolfgang und Elke

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