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Be bear aware!

Ganz am Ende sehen wir tatsächlich noch einen: Im Grand-Teton-Nationalpark, auf einer kleinen Nebenstrecke, tappt zwei Autos vor uns ein Braunbär ganz gemütlich über die Straße. Schon seit vier Tagen werden wir dauernd vor ihm und anderen Bären gewarnt, denn wir wandern und zelten im Yellowstone- und im Grand-Teton-Nationalpark – und beide sind bear country.

Doch zurück zum Anfang: Vor fünf Tagen haben wir am Flughafen von Seattle unseren Mietwagen abgeholt. Dank unseres hervorragenden Reiselotsen Herbert Bröckel ist es ein ziemlich großes Auto – ein Hyundai Santa Fe – für einen ziemlich guten Preis und ohne Einweggebühr. Unser fünf-wöchiger Roadtrip von Seattle durch die Nationalparks im Nord- und Südwesten der USA bis hinunter nach San Francisco kann also beginnen.

Großeinkauf fürs Campen

Erster Stopp ist ein großer Walmart in der Nähe des Flughafens. Nach eineinhalb Stunden haben wir ein Zelt, eine Luftmatratze, Kopfkissen und Bettdecken, Campingstühle und -tisch, Propanflaschen und Kocher, Töpfe, Geschirr und Besteck, eine Kühlbox und viel Kleinkram gekauft. Knapp dreihundert Dollar geben wir dafür aus, so viel kosten hier schon zwei Nächte in einem günstigen Hotel. Und an diesem Wochenende sind ohnehin alle Unterkünfte besonders teuer und schon lange im Voraus ausgebucht. Am Montag ist Labour Day, im ganzen Land ist also langes Wochenende – und weil danach die Schule wieder angeht, sind wirklich alle noch einmal mit der gesamten Familie unterwegs.

Die ersten Nächte im Zelt

Zum Glück finden wir irgendwo auf dem Weg knapp zwei Fahrstunden nordöstlich von Seattle einen kleinen Campingplatz, der noch ein paar Plätze frei hat. Hier schlagen wir zum ersten Mal seit sehr sehr vielen Jahren unser Zelt auf – und sind begeistert, wie einfach das inzwischen geht. Nach zehn Minuten ist das kleine gelb-graue Zelt fertig aufgebaut, und noch einmal zehn Minuten später ist unser „Glamping“-Bett hergerichtet. Nach einem harmlosen Abendessen, mit dem wir unseren Kocher und das Geschirr eingeweiht haben, schlüpfen wir zufrieden in unsere Schlafsäcke und fühlen uns pudelwohl.

Zwei Tage später sieht das schon ein wenig anders aus. Wir sind inzwischen im Yellowstone Nationalpark angekommen und zelten zwei Nächte auf dem Bridge Bay Campground auf mehr als 2.300 Metern Höhe. Während es tagsüber wunderbar sonnig ist, wird es nachts richtig kalt. Das Thermometer sinkt unter Null – und für uns beide ist es das erste Mal, dass wir bei Minusgraden zelten. Trotz Skiunterwäsche, Daunenjacke, Schlafsack und Zudecken frieren wir ganz schön und brauchen am Morgen mehrere Tassen heißen Tee zum Wärmen. In der zweiten Nacht schlafen wir übrigens im Kofferraum unseres Autos – bei der Auswahl des Wagens hatten wir eigens darauf geachtet, dass wir die Rückbank umklappen und eine Luftmatratze reinlegen können. Wie gut! Denn im Auto ist es doch ein paar Grad wärmer als im Zelt.

Das Essen kommt in die Box

Die Teebeutel für den Frühstückstee haben wir – wie das Wasser und alle anderen Lebensmittel und Kochutensilien – in einer großen Box aus Metall gelagert, die nur mit einem ganz besonderen Handgriff geöffnet werden kann. Solche food storages gibt es auf allen Campingplätzen in bear country, manchmal sogar an Wanderwegen und Badeseen. Denn Bären haben einen feinen Geruchssinn und werden von allem, was nach Essen riecht, magisch angezogen. So kommt es pro Jahr im Durchschnitt zu 14 tödlichen Begegnungen zwischen Mensch und Bär. Schützen kann man sich mit Bärenspray, das man hier bei jeder noch so kleinen Wanderung mitnehmen soll.

Farbenprächtige Naturwunder

Tagsüber schauen wir uns die Highlights des Yellowstone-Nationalparks an: Den Old Faithful, der zwar noch zuverlässig, aber wenig beeindruckend ist; das Midway Geysir Basin, den Grand Prismatic Spring, den Grand Canyon of the Yellow Stone, den Yellowstone Lake und die Mammoth Hot Springs Terraces. Überall sprudelnde Geysire, farbenfrohe Bassins, heiße Quellen, schroffe Felsen – und immer wieder auch große Bisonherden, die in der weiten Hochebene grasen.

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Außer uns sind gefühlt alle US-Amerikaner, die keine schulpflichtigen Kinder mehr haben, gerade im Yellowstone-Nationalpark unterwegs und nutzen die Nachsaison. Das führt zu Staus (!) auf den Straßen durch den Nationalpark und zu völlig überfüllten Parkplätzen. Einsame und unberührte Natur hatten wir zwar nicht wirklich erwartet, einen solchen Ansturm Anfang September aber auch nicht.

Berge im Rauch

Der benachbarte Grand-Teton-Nationalpark, den wir als nächstes ansteuern, ist genauso voll. Alle wollen die majestätische Bergkette sehen, die uns Europäer stark an die Alpen erinnert.

Pech ist nur, dass seit rund sechs Wochen unzählige, großflächige Waldbrände in den nordwestlichen US-Bundesstaaten Washington, Idaho und Montana toben und der Himmel fast immer rauchverhangen ist. Die schönen Berge sind deshalb nur zu erahnen, von klarer Sicht kann keine Rede sein. Während in den internationalen Medien vom Hochwasser in Houston die Rede ist, haben die Menschen hier genau das gegenteilige Problem: Die lokalen Zeitungen in Montana titeln mit der schlimmsten Dürre seit Jahren.

Auch wir erleben das Thema Waldbrand schon seit Kanada mit. In Vancouver und auf Hornby Island war der Himmel fast immer smokey, die grandiose Bergkulisse sahen wir nur selten. Und als wir dann in den USA mit unserem Mietwagen von Seattle nach Yellowstone fuhren, hatten wir in einer Region schon nachmittags um drei einen so rauchig-dunklen Himmel, dass es wie abends um acht aussah.

Morgen fahren wir weiter in Richtung Süden. Da soll die Sicht wieder besser sein – und vielleicht läuft uns auf dem Weg dorthin ja noch einmal ein Bär über den Weg.

Obdachlos in Seattle

Wer im Internet nach Reisetipps für Seattle sucht, stößt sofort auf einen Filmtitel: „Schlaflos in Seattle“, eine Romanze mit Meg Ryan und Tom Hanks aus dem Jahr 1993. Natürlich habe auch ich den Film damals im Kino gesehen und hinterher Reisepläne für die USA geschmiedet. Viel Zeit ist seitdem vergangen, doch gestern sind wir in Seattle angekommen. Für mich ist es die erste Reise in die Vereinigten Staaten, Wolfgang dagegen war schon ziemlich oft hier – einmal auch in Seattle. Für ihn ist es deshalb nichts Neues, für mich schon: Überall in der Innenstadt gibt es Obdachlose. Männer und Frauen, Alte und Junge, Schwarze und Weiße.

Obdachlos im reichen Land

Schon morgens sehen wir sie in den kleinen Zwischenräumen der großen Einkaufsstraßen. Sie liegen noch schlafend im Eingangsbereich eines Parkhauses. Sie sitzen mit einer Gitarre auf den Stühlen eines Cafés, das noch nicht geöffnet hat. Sie stehen bettelnd an einer Ampel.

Im Lauf des Tages fallen uns auch etliche Polizisten auf, die immer in Zweierteams mit dem Fahrrad in der Innenstadt unterwegs sind und Menschen ohne festen Wohnsitz kontrollieren. Sie zeigen Präsenz und sorgen für ein Gefühl der Sicherheit. Und manchmal helfen sie auch – gleich zweimal sehe ich heute Polizisten, die einen Krankenwagen rufen, weil ein Obdachloser kollabiert ist.

Die Ambulanz hören wir von unserem Hotelzimmer aus nachts auch oft vorbeifahren. Sicher wird sie auch zu anderen Einsätzen gerufen. Aber als wir nach einem frühen Abendessen in Downtown zu unserem Quartier in Japantown gelaufen sind, waren sehr viele Menschen unterwegs, die nur ihr Bündel zum Schlafen oder einen Einkaufswagen mit ihren Habseligkeiten dabeihatten.

Mehr als 500.000 Menschen ohne festen Wohnsitz

Warum gibt es das in einem so reichen Land wie den USA? Warum berührt mich das hier noch mehr als in Indien? Wie sehr wird sich die Lage unter der aktuellen Regierung verschlimmern? Warum soll auch noch der kleine Schutz, den Obamacare bietet, abgeschafft werden? Die Situation macht mich ratlos. Schon jetzt sind laut einer aktuellen Statistik mehr als eine halbe Million US-Bürger/innen ohne festen Wohnsitz, ein Viertel davon Kinder! Darüber hinaus sind rund 60 Prozent der Obdachlosen schwarz, so dass Menschenrechtler auch von einem Rassismusproblem sprechen, denn ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung beträgt nur ein Viertel. (Mehr Infos dazu in einem heute-Bericht: http://www.heute.de/san-francisco-rekordsumme-im-kampf-gegen-obdachlosigkeit-47148726.html)

Traurige top five

Seattle gehört übrigens zu den fünf Städten in den USA, in denen die meisten Obdachlosen leben. „Schlaflos in Seattle“ sind hier also sicher sehr viele – aber nicht wegen Liebeskummer.

Elisa und Roy,
Hornby Island

25. August. Wehmütiger Abschied von Hornby Island, vor allem von Elisa und Roy, unseren großzügigen Gastgebern. Wir sitzen im IslandLinkBus nach Victoria, der Hauptstadt von British Columbia, etwa 200 Kilometer weiter südlich. Gerade entdecke ich den aktuellen Farewell-Facebook-Post von Elisa, die uns erst vor einer Stunde über Denman Island an die Fähre nach Buckley Bay gefahren hatte. Wir sind wieder on the road. Zwei schöne, abwechslungsreiche Wochen auf Hornby sind vorbei. Zwei Wochen, in denen wir nicht nur die wunderschöne kleine Insel erkundeten, sondern auch so etwas wie kanadisches Landleben erleben konnten. Einfach und gut.

Couchsurfen

Rückblick: Ohne unsere Tochter Lisa wären wir nie nach Hornby Island gekommen. Sie war gegen Ende ihrer fünfmonatigen Work & Travel-Kanadareise als Couchsurferin unterwegs und bei Elisa und Roy die erste, die das dort machte. Sie war zwar nur drei Tage dort – aber so begeistert von den beiden, dass sie uns aufgetragen hat: „Da müsst ihr hin, die müsst ihr kennen lernen“. Elisa ihrerseits erzählt die Geschichte so, dass sie von Lisa so angetan war, dass sie auch den Papa und seine Frau kennen lernen wollte. Da auf ganz Hornby Island aber zu der Zeit weder ein Zimmer noch ein Campingplatz zu haben sei, müssten sie halt mit ihrem Camper auf ihrem Grundstück übernachten.

 

Mit diesem Ziel und mit einer handgeschriebenen Liste (!) von Lisa, was wir nach ihrer Rückreise nach Deutschland auf Hornby Island alles unternehmen und anschauen müssen, sind wir mit dem Campervan hingefahren. Wir haben Elisa und Roy kennen und schätzen gelernt – und ich will sie euch kurz vorstellen:

Elisa

Elisa ist in Vancouver geboren, ist selbstbewusst und zupackend, herzlich und offen und sagt, was sie denkt. Sie hat schon viel von der Welt gesehen, war in jungen Jahren längere Zeit in Indien und ist mit ihrem Ex-Mann auf einem eigenen 28Fuß-Kutter ein Jahr um die Welt gesegelt. Sie hat zwei Söhne von ihrem zweiten Mann, liebt Musik und fährt gerne Motorrad – so hat sie sich während unseres Aufenthalts eine ältere, sehr schöne und knallgelbe 750er Honda gekauft. Eigentlich hat sie Media Resources studiert, dann aber festgestellt dass das nicht ihr Ding ist. Um sich das Studium zu finanzieren, fing sie mit der professionellen Fischerei an – und blieb dabei hängen. Elisa selbst beschreibt das so: „Fishing enabled travel and an interesting assortment of other opportunities. I met my first husband Bryan, when I was looking to buy my own fishboat… so I could be Captain. Instead I fell in love with a boatbuilder and became part of his dream to sail the world.“ Heute arbeitet sie bei BC Ferries.

Roy

Roy aus dem englischen Manchester ist lebenslustig, voll Schalk (wie ihr auf dem Bild ganz oben seht) und britischem Humor und ein guter Geschichtenerzähler. Über Politik kann man prima mit ihm streiten – er hält nämlich gar nichts davon! Fällt der Name Trump, so erinnert er daran, was für ein Typ Georg Bush war. „They’re all the same!“ Da er auch schon viel herumgekommen und auch mal in Deutschland gelebt und gearbeitet hat, spricht er auch etwas Deutsch – worauf er ein bisschen stolz ist. Sein ganzer Stolz aber ist, dass er Musiker mit eigener Band ist, die auch immer wieder auf Hornby Island auftritt. Wenn sie loslegen, so erzählt Roy sehr gerne, dann rocken sie ihr Publikum und alles tanzt. Die „Roy Slack Band“ bzw. die „Tongue ‚N Groove“ kann man sich übrigens auch bei YouTube reinziehen. Der Motorrad-Freak kam vor etwa 30 Jahren nach Hornby Island, wollte dort eigentlich nur ein paar Tage bleiben, lernte Elisa kennen, wurde ansässig und baut jetzt dort Häuser – natürlich auch die auf dem eigenen Grundstück. Er ist gelernter Chemiker und Ingenieur, Allround-Handwerker und liebt offenkundig das kreative Chaos in seiner Werkstatt.

Wohnen im Wald

Haus und Grund liegen in einem Waldstück, das Elisa und Roy selbst erst vor ein paar Jahren gekauft haben. Alles, was dort heute an Häusern, Schuppen und Garten zu sehen ist, haben sie selbst gebaut bzw. angelegt. Sie begannen buchstäblich damit, den Wald zu roden und lebten die erste Zeit in einem Camper, um den sie herum dann allmählich ihr Wohnhaus gebaut haben, dann eine Werkstatt mit zwei Zimmern darüber und schließlich noch eine Art Musikstudio für Roy und seine Passion für Rock und Folk. Das alles ist auch noch im Werden. Aber der schöne Garten ist schon ziemlich weit gediehen mit all den Gemüsebeeten, aus denen täglich Kräuter und frischer Salat, Kohl, Tomaten und weiteres Gemüse geerntet werden können. Nicht zu vergessen die Hühner, die den beiden fleißig frische Eier liefern.

Diese Art des Lebens und Wohnens scheint mir typisch für Nordamerika: Man probiert vieles aus, ständiger Wandel und Neuanfänge sind normal, Lebensläufe voller Umwege und Brüche. Das sieht man auch am Beispiel des Wohnens: Man zieht für ein paar Jahre dorthin, dann wieder woanders hin, vieles wirkt bewusst unfertig, improvisiert. Man klebt nicht am Eigentum. Einen schönen Spruch dazu hab ich gestern aufgeschnappt: „Owns a man a house or owns the house a man?“ Andererseits knüpft man da, wo man sich niedergelassen hat, neue Freundschaften und soziale Netzwerke, weil man sehr offen dafür ist. Hier jedenfalls ist das Haus immer offen für Freunde und sogar für Fremde wie uns. Uns gefällt das…

Housekeeping bei Freunden

Wir haben uns bei den beiden gleich sehr willkommen gefühlt: Abends saßen wir in einer großen Runde am Feuer, lernten viele neue Leute kennen, die wir dann anderntags am Strand auf der kleinen Insel wieder trafen. Sie boten uns spontan ihr Kajak an, mit dem wir dann mehrere Stunden rumgepaddelt sind – alles sehr unkompliziert. Dann mussten wir zurück nach Vancouver, um dort unseren Camper abzugeben und blieben gleich eine Woche dort. Obwohl die Stadt ja als besonders schön gilt, haben wir uns zunehmend  auf die Rückkehr nach Hornby Island gefreut. Wo wir dann nochmals zehn Tage blieben und für eine knappe Woche Haus und Hof hüten durften, da die beiden eine Motorradtour in den nahen Nordwesten der USA machten. Housekeeping nennt man das hier: sich um die schon etwas betagte Hündin Kira kümmern, zwei Katzen und vor allem die vier Hühner füttern, den Garten wässern…

Für uns fühlte es sich ein wenig wie „Alltagsleben“ auf Hornby Island an: Wir hatten zwei Mountainbikes und ein Auto zum Einkaufen im Coop zur Verfügung, brachten den Müll zum Recyclinghof (wo übrigens sehr strikte Mülltrennung praktiziert wird) und lernten den „Freestore“ der Insel kennen. Dies ist ein von der Community geführter Laden, den man sich als permanente Tauschbörse für Gebrauchtes denken kann: Man kann (muss aber nicht) etwas mitbringen und sucht sich Sachen aus, die man umsonst mitnehmen kann, seien es Kleidungsstücke, Haushaltsgeräte oder Spielzeug. Sogar ein Buchladen ist integriert. Das Ganze wird von Ehrenamtlichen gemanagt, die hier wie sonst auch in verschiedenen Bereichen der Community eine wichtige Rolle spielen. Überhaupt haben wir den Eindruck, dass die Community der etwa 800 Insulaner gut funktioniert.

Und als wir samstags klassische Musik im Park und sonntags Livemusik im wunderschönen Obstgarten der nahen Bakery hörten, und montags am Strand mit vielen Einheimischen zusammen die partielle Sonnenfinsternis sahen, die über Nordamerika sichtbar war, fühlten wir uns fast schon wie Insulaner.

Ein Inselsommer voller Musik

Ob Bardentreffen oder Klassik open air: In Nürnberg ist im Sommer richtig viel gute Musik geboten, und wir haben natürlich immer die unterschiedlichsten Konzerte besucht. Deshalb haben wir auch aus der Ferne mitverfolgt, was in diesem Jahr auf dem Programm stand – und hätten uns manchmal ganz gerne hingebeamt. Auf Denman- und Hornby Island hatten wir nun unseren ganz eigenen Inselsommer voller Musik. Von Mozart und Beethoven bis zu Reggae, wunderschön – und gut gegen den Reiseblues, der bei einer so langen Reise auch mal auftaucht.

Mozart auf Denman Island

Das erste Konzert entdeckten wir ganz zufällig. Wir verbrachten in unserem Camper Van eine Nacht auf Denman Island, mussten noch eine Kleinigkeit einkaufen – und dabei sahen wir den Aushang, dass am gleichen Abend ein Konzert ist. Mozart im Rahmen des Kaimerata Concerts Festivals. Wir hörten das Streichquartett in C-Dur K.465 und das Klavierquartett in Es-Dur K.493. Und nach dem Motto the more you know, the more you love gab es am Anfang eine kurze und sehr lockere Einführung in das Werk. Mit Hörbeispielen und kleinen Anekdoten. Warum machen wir das eigentlich in Deutschland nicht?

Reggae auf Hornby Island

Am nächsten Tag kamen wir auf Hornby Island an, wo gerade die ten days of magic des Hornby Festival liefen. An vielen wunderschönen Orten auf der kleinen Insel gab es Konzerte – fast alle mit Blick aufs Meer. Wir ergatterten gerade noch zwei der letzten Karten für den Haupt-Act dieses Jahres, das Reggae-Konzert von Clinton Fearon and the Boogie Brown Band.

Tolle Stimmung vor grandioser Kulisse: Ein riesiges Farmgrundstück direkt am Meer – und das in einer Vollmond-Nacht.

Am nächsten Nachmittag spielte Clinton Fearon ohne Band, er allein auf seiner Gitarre, ganz entspannt an einem kleinen Beach. Das erinnerte uns dann doch ein wenig an das Bardentreffen:

Mozart im Skulpturen-Park

Und weil uns die Insel und ihre Atmosphäre so gut gefallen hat, und wir dank Lisa unglaublich nette Menschen hier kennengelernt haben, kamen wir nach einer Woche Vancouver einfach wieder zurück nach Hornby Island und hüten hier nun ein Haus (Bericht folgt noch). Gestern Mittag radelten wir, bepackt mit einem kleinen Picknick, in den Jeffrey Rubinoff Sculpture Park. Hier kamen wir zu unserer ganz kleinen Ausgabe des Klassik open air: Das Borealis String Quartett  spielte das Streichquartett Nummer 10, Opus 74, von Beethoven. Und wir saßen zusammen mit rund 200 anderen Gästen auf unserer Decke in der Sonne, lauschten der Musik und schauten aufs Meer.

Unterwegs in „downtown“ Vancouver

Vor vier Jahren hat der 25- jährige Student Thorsten Müller aus Bad Windsheim ein Praktikum in Vancouver gemacht. Nun bat er bei der monatlichen Wunschaktion, die ich für die Reise-Seite der Nürnberger Nachrichten und Nürnberger Zeitung mache, um einen Besuch bei seinem ehemaligen Team inklusive Bild.

Auf den Spuren eines Praktikums

Den Artikel über meinen Besuch im Business-District von Vancouver findet Ihr auf der online-Reise-Seite der Nürnberger Nachrichten und Nürnberger Zeitung und in der Printausgabe von diesem Wochenende. Ein bisschen hat mich das Büro an meine Zeiten bei Rödl & Partner in Nürnberg erinnert, wie anders mein Leben inzwischen doch ist…

Hier das gewünschte Team-Bild und ein paar weitere Schnappschüsse von „downtown“ Vancouver:

Ein Wunsch für den Südwesten der USA?

In knapp zehn Tagen fahren wir dann mit der Fähre vom kanadischen Victoria ins US-amerikanische Seattle. Und von dort geht es für fünf Wochen in den Südwesten der USA: Nationalparks pur.

Habt Ihr einen Wunsch, den ich hier erfüllen kann? Oder ein besonderes Thema, über das ich berichten soll? Dann macht doch bitte mit und schickt Eure Wünsche bis zum 28. August direkt an magazinaktion@pressenetz.de

Drei Fähren ins Glück

BC Ferries. Dieses Kürzel, das für die Fährgesellschaft im kanadischen British Columbia steht, begleitet uns ständig auf unserem Trip auf Vancouver Island. Denn unser kurzes Familientreffen mit Lisa Maria, die fünf Monate work and travel in Kanada gemacht hat, steht ganz im Zeichen von Fährfahrten. Lissy (wie wir sie gerne nennen) zeigt uns in der einen Woche des Wiedersehens ihre schönsten Plätze auf der großen Insel. Und das sind lauter kleine vorgelagerte Inseln, eine schöner als die andere. Inselglück im Westen von Kanada.

Um stilechte kanadische Ferien zu verbringen, haben wir schon Wochen vorher bei BC campervan rentals einen kleinen Bus mit Dachzelt gebucht. Wir übernehmen ihn am Vormittag in Vancouver und setzen damit von der Horseshoe Bay nach Nanaimo auf Vancouver Island über – Fähre 1.

Wiedersehen auf Vancouver Island

Nach eineinhalb Stunden Überfahrt können wir hier endlich Lissy in die Arme schließen und machen uns gleich auf zum nächstgelegenen Campground. Er ist recht dunkel, denn er liegt im Wald, und wir müssen uns erstmal mit der ganzen Camping-Ausrüstung vertraut machen. Aber es gibt einen Zugang zum Meer, und mit einem Bierchen in der Hand genießen wir das Wiedersehen und die Abendstimmung:

Inselhüpfen an Kanadas Westküste

Fähre 2 bringt uns am nächsten Tag von Campbell River nach Quadra Island.  Hier hat Lisa Maria einen Tipp für einen Campground direkt am Meer, und wir sind Glückspilze und ergattern den letzten freien Stellplatz am Wasser! Wir haben die Bucht direkt vor uns, sehen Ebbe und Flut kommen und gehen, beobachten einen Weißkopfadler, der fünfzehn Meter von uns entfernt sitzt, machen eine Kajak-Tour und eine kleine Wanderung und philosophieren über das Leben und das Reisen.

Absolutes Highlight ist dann aber Cortes Island. Mit Fähre 3 setzen wir von Quadra nach Cortes über und merken schon bei der Überfahrt, dass es hier entspannt zugeht. Den Weg hierher finden fast nur kanadische Touristen, auch sie sind mit dem Campingbus unterwegs – allerdings ist ihrer meist doppelt so groß und lang wie unserer und über und über mit Fahrrädern, Kajaks, Angeln und Boot beladen. Wer den Weg hierher findet, fährt nicht so schnell wieder zurück aufs Festland. Uns bleiben hier leider nur zwei Tage, denn Lissy muss ihren Flieger von Vancouver zurück nach München erwischen. Für unsere zweite Woche hat sie uns noch jede Menge Geheimtipps (danke!) für die nächste Insel aufgeschrieben. Lasst Euch überraschen, was wir als Nächstes berichten.

Mayas und Moskitos

Ehrlich gesagt, haben wir nach einem Monat genug! Genug von den Maya-Ruinen, die es hier in Yucatan auf Schritt und Tritt gibt. Genug von der brütenden Hitze und den allgegenwärtigen Moskitos. Genug auch von den Touristenmassen, die in hellen Scharen durch die Maya-Sehenswürdigkeiten drängen – wenn  diese von den Badeorten an der Karibikküste aus gut erreichbar sind. Und von den aufdringlichen Souvenirverkäufern, die uns ihren immer gleichen Kitsch mit dem immer gleichen Spruch anbieten: „Hola amigos! Best price!“ Natürlich waren wir dennoch begeistert von Chichen Itza, Itzamal, Uxmal, Edzna, Palenque, Yaxchilán und Tulum. Doch gestern war der Tag, an dem wir beschlossen, dass eine in der Nähe liegende Maya-Stätte auch gut ohne uns auskommen kann. Kein Zweifel: Eine Begeisterungsflaute hatte uns erreicht.

Dabei hatten wir uns extra ein Auto gemietet, um die Halbinsel Yucatan samt dem Bergland von Chiapas auf den Spuren der Mayas zu bereisen und dabei auch entlegenere Orte aufzusuchen. Um der glühenden Hitze des Tieflands und den Touristenmassen zu entgehen, waren wir stets früh aufgestanden – und wurden nicht enttäuscht. Wir staunten über wunderschön angelegte Mayastädte und Tempelbezirke mit eindrucksvollen Pyramiden, Palästen und Observatorien. Wir sahen ausdrucksstarke, äußerst kunstvolle Reliefs und prächtige Säulengalerien. Und wir sahen mystische Orte wie das abgeschieden gelegene Yaxchilan am Grenzfluss zwischen Mexiko und Guatemala, das nur nach einer längeren Bootsfahrt zu erreichen ist.

Mitten im Dschungel: Yaxchilan

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Im Morgennebel waren wir zusammen mit einem mexikanischen Paar nach Yaxchilan aufgebrochen. Schon die Bootsfahrt entlang des dichten Regenwalds war ein Erlebnis, und in der Ruinenstadt waren wir dann tatsächlich die ersten und hatten sie sozusagen ganz für uns. Dazu als „Begleitmusik“ die durchaus unheimlichen, den Urwald durchdringenden Schreie der Brüllaffen. Auf der Rückfahrt gab uns noch ein Flusskrokodil die Ehre, und wir bekamen in den Wipfeln riesiger Bäume Brüllaffen zu Gesicht. Yaxchilan war zweifelsohne ein Höhepunkt unserer Reise durch das Land der Mayas.

Von Pyramiden und Vorurteilen

Berühmt sind die Mayas vor allem für ihre Stufenpyramiden – die den ägyptischen nicht unähnlich sehen. Was einige frühe Archäologen zu der Überzeugung brachte, dass die Pyramiden in Mexiko wohl von den Ägyptern errichtet worden sein mussten. So absurd diese Annahme war, so viel sagt sie doch (auch heute noch) über Wissenschaftler und ihre Vorurteile aus. Das scheint durchaus typisch für die westlich-überhebliche Perspektive mancher frühen Ausgräber, die den „Eingeborenen und deren Vorfahren“ solche Bauwerke schlicht nicht zutrauten. Dabei hatten die Mayas in ihrer Blütezeit in Stadtstaaten mit teilweise über 10.000 Einwohnern gelebt, die damit größer waren als die meisten Städte des damaligen Mitteleuropas… Zum Beispiel in Uxmal:

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Ballspiel mit tödlichem Ausgang

Berühmt sind die Mayas aber auch für ihre Observatorien, die hoch entwickelte Mathematik und Astronomie, ihren ausgefeilten Kalender, ihre Schrift (bis dahin die einzige in Amerika) – und ihre Ballspiele. In Chichen Itza bekommt man davon einen besonders guten Eindruck: Das große, längliche Spielfeld wird längsseits von hohen Begrenzungsmauern gesäumt, an denen jeweils ein großer steinerner Ring in beachtlicher Höhe angebracht ist. Zwei Mannschaften kämpften darum, einen schweren Ball so oft wie möglich durch eine der Ringe zu bugsieren. Mit Fußball, Rugby oder Basketball moderner Prägung hatte das Spiel wohl nur insofern etwas zu tun, dass es eine noch höhere rituelle und, ja, religiöse Bedeutung hatte. Doch Vorsicht! Die Reliefs darunter zeigen, was dem Verliererteam – oder dessen Spielführer – blühte: ihm wurde vom Sieger hernach der Kopf abgeschnitten. Zum Beispiel in Chichén Itzá:

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Das rätselhafte Verschwinden der Maya-Kultur

Als die Spanier kamen, waren viele der Maya-Stätten bereits vor langer Zeit aufgegeben, verlassen und dann vergessen worden. Was auch hier die Spanier nicht daran hinderte, die noch sichtbaren Reste dieser Hochkultur buchstäblich platt zu machen. In Itzamal besuchten wir ein riesiges Kloster, das im 16. Jahrhundert komplett auf der Grundform einer Pyramide errichtet wurde. Der Kollaps der klassischen Maya-Kultur im 9. Jahrhundert gilt als eines der großen Rätsel der Geschichte. Warum und woran gingen die Maya-Kulturen innerhalb kurzer Zeit unter? Maya-Forscher neigen zu unterschiedlichsten Hypothesen. Als die wahrscheinlichste gilt derzeit wohl eine von den Menschen mit verursachte regionale Klimakatastrophe (Dürreperioden, die durch extensive Rodungen/Abholzungen noch verstärkt wurden) sowie eine Erschöpfung der landwirtschaftlich genutzten Böden – bei ständig steigenden Bevölkerungszahlen. Wie es scheint, sind die Mayas an ihrem Erfolg und dem damit einhergehenden Raubbau der Natur zugrunde gegangen. Aktuelle Bezüge zum Verhältnis Mensch-Umwelt im 21. Jahrhundert sind wohl nicht zu übersehen.

Übrigens: Im Gegensatz zu anderen Hochkulturen existieren die Maya-Nachfahren noch heute und leben vor allem in Mexiko und Guatemala, meist in abgeschieden Gegenden. Sie sprechen nach wie vor ihre eigenen Maya-Sprachen und versuchen trotz aller Einflüsse der Moderne, ihre kulturellen Wurzeln und Traditionen zu bewahren. Wie die Lacandonen-Indianer, über die wir schon kurz in dem Beitrag „Was für ein Paar“ berichtet hatten.

Und hier noch Diashows von unseren anderen Besuchen:

Edzna:

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Palenque:

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Tulum:

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Don Pedro und sein Leben für den Kaffee

Schafft unser Fair-Trade-Engagement für die Kaffeebauern in Mexiko gute Lebensbedingungen? Diese Frage stellte Gudrun Krause bei der monatlichen Wunschaktion, die ich für die Reise-Seite der Nürnberger Nachrichten und Nürnberger Zeitung mache.

Ein Leben vom und für den Kaffee

Im mexikanischen San Cristobal de las Casas habe ich darüber mit dem Kaffeebauern Pedro Gomez gesprochen. Den Artikel findet Ihr auf der online-Reise-Seite der Nürnberger Nachrichten und Nürnberger Zeitung und in der Printausgabe von diesem Wochenende.

Ein Wunsch für Kanada?

Am Montag fliegen wir weiter nach Vancouver und treffen dort Lissy, die ein halbes Jahr work and travel in Kanada gemacht hat. Wir haben uns sicher viel zu erzählen.

Aber natürlich erfülle ich dort auch wieder gerne einen Wunsch oder berichte für Euch über ein bestimmtes Thema. Macht doch bitte mit und schickt Eure Wünsche bis zum 2. August direkt an magazinaktion@pressenetz.de

Was für ein Paar!

Obwohl sie ein höchst spannendes und abenteuerliches Leben in Chiapas/Mexiko geführt haben, sind beide bei uns wohl weitgehend unbekannt: Frans Blom, dänischer Archäologe und Trudy Duby-Blom, Photographin und Umweltschützerin aus der Schweiz. Wir sind auf sie gestoßen, als wir das Museum Na Bolom in San Christobal de las Casas besucht haben. Ein Ort, an dem viele Geschichten erzählt werden: über die Lacandonen-Indianer, einen kleinen, fast verschwundenen Stamm aus dem Grenzgebiet zwischen Chiapas und Guatemala, über die Entdeckungsgeschichte der Maya-Ruinen im tiefen Urwald dieser Region, über das stattliche Anwesen selbst (das früher ein Kloster war), vor allem aber über dessen einstigen Bewohner.

Ein Leben für die Ureinwohner

Gertrude Duby aus dem Berner Oberland hatte sich schon früh politisch und publizistisch engagiert, war in der deutschen Widerstandsbewegung gegen Hitler aktiv und war deshalb sogar kurze Zeit in einem Lager interniert. 1940 konnte sie aber nach Mexiko fliehen, wo sie sich zunächst als Sozialarbeiterin engagierte. Doch erst als sie 1948 auf den dänischen Archäologen Frans Blom traf, der den Urwald von Chiapas nach Maya-Ruinen durchstreifte, fand sie ihre Berufung. Mit der Kamera in der Hand dokumentierte sie das Leben der Lacandonen, einem kleinen Stamm von Waldindianern, die vom Aussterben bedroht waren. Durch ihre eindrucksvollen Schwarz-Weiß-Fotos wurde deren Schicksal öffentlich bekannt und führte dazu, dass diese bis heute besonderen Schutz durch den mexikanischen Staat genießen.

… und für den Umweltschutz

Auf ihren zahlreichen Expeditionen durch den tropischen Dschungel des Chiapas-Tieflands dokumentierte sie auch das Sterben des Urwalds und machte dies weltweit publik. Wurden bis dahin die Urwälder gnadenlos gerodet, um sie zu Geld zu machen, wurde 1972 zumindest ein Teil als Selva Lacandona unter Naturschutz gestellt. Auch für diese Rolle als Umweltaktivistin erfuhr sie große, internationale Anerkennung. Als sie 1993 im Alter von 92 Jahren in San Christobal starb, hinterließ sie nicht nur ein eindrucksvolles photographisches und publizistisches Lebenswerk, sondern, mit ihrem Mann zusammen, ein großes Anwesen:  das Casa Na Bolom, was in der Mayasprache ‚Haus des Jaguars‘ bedeutet. Zu ihren Lebzeiten ein wissenschaftliches und kulturelles Zentrum mit Gästehaus und großer Bibliothek, heute ein sehr lebendiges und anschauliches Museum.

Archäologe und Abenteurer

Geboren und aufgewachsen in Kopenhagen, wanderte Frans Blom mit 26 Jahren nach Mexiko aus, arbeitete zunächst in der Ölindustrie, begann dann aber, sich für die Maya-Ruinen zu interessieren. Durch Vermittlung konnte er ein Archäologie-Studium in Harvard, USA absolvieren. Auch wenn er sich selbst lieber als Abenteurer denn als Archäologe sah (was man auf den Photos gut sehen kann), so entwickelte er sich im Laufe zahlreicher Expeditionen zum anerkannten Maya-Forscher, der nicht nur viele Maya-Ruinen entdeckte, sondern sich auch als gewissenhafter Geograph der Ruinenstätten und der sie umgebenden Regionen hervortat. Frans Blom, der zusammen mit seiner Frau bis ins Alter wissenschaftliche Expeditionen durchführte, starb 1963 im Alter von 70 Jahren.

Zwei Einwanderer, die ihre Lebensaufgabe fanden

Was mich an den beiden interessiert, ja fasziniert, ist nicht nur ihre Bereitschaft, ihr altes Leben in Europa hinter sich zu lassen (mit dem Gedanken, es zumindest für ein paar Jahre zu tun, haben wir durchaus auch gespielt), sondern sich voll und ganz dem neuen Land und ihren Bewohnern zu verschreiben, ja, sich geradezu in deren Dienst zu stellen. Während zahlreiche Migranten eher eine gewisse „europäische“ Distanz zu ihrem neuen Zuhause hielten, waren beide auf ihre Art leidenschaftlich und sehr eng mit ihrer neuen Heimat verbunden, deren faszinierender präkolumbianischer Geschichte und deren komplizierter, widersprüchlicher Gegenwart. Vollends identifiziert hat sich vor allem Gertrude Duby-Blom mit Land und Leuten, durch ihre Nähe zu den Menschen, den Einsatz für das Volk der Lacandonen und den Willen, deren Kultur zu schützen und zu erhalten.

Chiapas – Hochburg der Zapatisten

Deren Kampf für Anerkennung, mehr Autonomie und gegen Armut geht übrigens bis heute weiter. Während wir hier in San Christobal de las Casas sind, haben Zapatisten – benannt nach dem 1919 erschossenen Freiheitshelden Emiliano Zapata – ein Protestcamp auf dem Hauptplatz vor der Kathedrale eingerichtet. Damit protestierten sie gegen Landvertreibungen der ohnehin sehr armen ländlichen Bewohner in der Region. Da nirgendwo in Mexiko die sozialen Gegensätze so scharf sind wie in der Provinz Chiapas, erhalten die Zapatisten, die sich erklärtermaßen für die Sache der Ureinwohner einsetzen, hier nach wie vor viel Zuspruch. So ist San Christobal heute nicht nur ein beliebtes Touristenzentrum, sondern auch eine Hochburg der Zapatisten, die sich in der jüngeren Vergangenheit heftige Auseinandersetzungen mit der mexikanischen Staatsmacht lieferten – u.a. besetzten sie 2005 die Stadt und das Rathaus von San Christobal. Mittlerweile sind ihre Protestformen wohl  friedlicher geworden, aber ihr Anliegen bleibt es, der indigenen Bevölkerung Wege aus der Armut zu erkämpfen, ihre Bildung zu verbessern und für ihre Rechte einzutreten.

Alle Schwarz-Weiß-Photographien hängen im Original im Museum Na Bolom in San Cristobal de las Casas.

Der Schreiber, das Huhn und die Kirche

Was bleibt hängen von einer Reise? An was erinnern wir uns auch noch nach Jahren? Was vergessen wir dagegen schnell? Diese Fragen stellen wir uns immer öfter, sind wir doch inzwischen seit fast 16 Monaten in der Welt unterwegs – und schon jetzt können wir die vielen Eindrücke gar nicht mehr verarbeiten. Deshalb fand ich es besonders interessant, in Mexiko an einen Ort zurückzukehren, an dem ich vor 27 Jahren schon einmal war: San Cristobal de las Casas. Und ich erinnerte mich an drei Dinge sehr intensiv: den Schreiber, das Huhn und die Kirche.

Doch zunächst zu der Reise an sich. Damals war ich 21 und nach der Zwischenprüfung an der Uni mit meiner Reisefreundin Gracia unterwegs in Mexiko und Guatemala. Für mich war es damals der erste Flug überhaupt, vorher hatte ich vier Wochen in der Fabrik gearbeitet, um mir das Ticket leisten zu können. Und während ich das so schreibe, komme ich mir ein ganz klein wenig aus der Zeit gefallen vor. Wer kann sich heute noch vorstellen, im Erwachsenenalter das erste Mal zu fliegen?

Auch die übrigen Reisebedingungen klingen so als wäre ich in der Steinzeit unterwegs gewesen: Es gab weder Internet noch Mobiltelefone oder Tablets. Und trotzdem funktionierte alles: Wenn wir mit dem Bus irgendwo ankamen und unsere großen backpacker-Rucksäcke aufsetzten, standen immer irgendwelche jungen Männer mit einem Moped herum und warben für ein Hostel. Manchmal hatten wir vorher schon in den lonely planet geschaut – den gab es auch damals schon – und manchmal vertrauten wir einfach dem sympathischsten Typen. In der Unterkunft zahlten wir mit Bargeld, denn Kreditkarten für Studentinnen gab es damals nicht. Wir hatten travelers cheques dabei, die wir immer im Bauchgurt trugen, damit wir sie irgendwann gegen Bargeld tauschen konnten. Und weil das öffentliche Telefon nie ging und es E-Mails noch nicht gab, schickte ich meinen Eltern hin und wieder ein Telegramm, dass es mir gut geht. Das hatte ich vorher versprochen.

Und nun zu meinen Erinnerungen, die ich an San Cristobal de las Casas habe – und was es heute noch davon gibt:

Der Schreiber

1990: Auf der großen Plaza in der hübschen Bergstadt sitzen gleich mehrere Männer mit Schreibmaschine unter den Arkaden. Es fällt mir auf, weil auch ich vor der Reise zuhause an der Schreibmaschine (!) saß und eine Seminararbeit geschrieben hatte. Erst die Magisterarbeit schrieb ich am Computer, damals kam gerade der Commodore 64 auf den Markt. Die Schreibmaschine des alten Mannes in Mexiko ist natürlich deutlich älter als meine Schreibmaschine in Nürnberg. Doch sie tut ihren Zweck. Neben dem Mann steht eine indigene Frau mit einem Brief in der Hand. Er sieht irgendwie amtlich aus, sie zeigt den Brief dem Mann, fragt ihn etwas und redet auf ihn ein, und dann tippt er langsam in die Tasten. Nach einer Viertelstunde ist der Antwortbrief fertig, und die Frau bezahlt. Und auch bei mir fällt der Groschen: Sie ist Analphabetin, kann weder lesen noch schreiben und braucht seinen Lese- und Schreibdienst.

2017: Wie sieht das heute aus? Chiapas, der mexikanische Bundesstaat, in dem San Cristobal de las Casas liegt, ist nach wie vor eine der ärmsten Regionen Mexikos und hat mit knapp 15 % eine der höchsten Analphabeten-Raten des Landes. Den Schreiber haben wir dieses Mal trotzdem nicht mehr gesehen. Vielleicht gibt es ihn noch, aber nicht mehr unter den Arkaden auf der Plaza. Da ist inzwischen ein Schmuckladen, eine Bank und ein schickes Café. Im bolivianischen Sucre dagegen gab es ihn noch auf der Plaza.

Unter den Arkaden und auf der Plaza: Früher saß hier der Schreiber, heute die Touristen

Das Huhn und die Kirche

1990: Es ist Sonntag Vormittag, und mit einem Sammelbus fahren wir hinaus nach Chamula. Der Ort liegt nur zehn Kilometer von San Cristobal de las Casas entfernt und ist bekannt für seinen Markt und die Kirche. Fast alle Einwohnerinnen und Einwohner sind indigen und leben ihre Tradition sehr bewusst – und das macht diesen Ort so besonders. Schon der Markt fasziniert Gracia und mich, doch noch viel spannender wird es in der Kirche. Von außen sieht sie ganz normal wie jede andere katholische Kirche in Mexiko aus. Innen merken wir aber sofort, dass hier etwas anders ist: Zwar gibt es einen Altar und Heiligenfiguren, aber es fehlen die gesamten Kirchenbänke. Stattdessen ist der Boden mit Gras und Baumnadeln bedeckt, und überall sitzen und knien Menschen. Sie zünden Kerzen an und stellen sie auf den Boden und murmeln Gebete vor sich hin. Zwei Bäuerinnen haben auch ein Huhn dabei. Wir sind uns nicht so ganz sicher, ob es tot oder lebendig ist, aber die beiden schwenken es über ihrem Kopf hin und her und stoßen zwischendurch Rufe aus. Ein Fruchtbarkeitsritual? Ein Dank für eine gute Ernte? Wir wissen es nicht, aber wir sind fasziniert.

2017: Der Ort ist immer noch berühmt für seinen Sonntagsmarkt und seine Kirche. Wir fahren also auch dieses Mal hin, allerdings mit dem Mietwagen. Auf dem Markt geht es noch ähnlich wuselig zu wie damals, wahrscheinlich sind heute aber noch mehr Touristen hier als vor 27 Jahren. Die Kirche hat sich ihren Charme bewahrt, ist ganz klar die Attraktion schlechthin im Ort geworden. Überall hängen Hinweisschilder, dass man keinesfalls im Innern fotografieren darf. Wer sich nicht daran hält, muss damit rechnen, dass seine Kamera konfisziert wird. Eigentlich ist das mal ganz gut. Uns gehen die vielen Menschen, die ständig selfies machen ohnehin schon auf die Nerven. Und der besondere Zauber im Innern der Kirche lässt sich sowieso mit keiner Kamera einfangen. Sie ist übrigens noch genauso wie vor 27 Jahren. Nur das Huhn haben wir dieses Mal nicht gesehen. Aber ich bin mir sicher, dass es das Ritual noch gibt.

Sonntagsausflug nach Chamula: Markt und Kirche ziehen damals wie heute viele Besucher an