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Mit der Queen Mary 2 über den Atlantik

„Good afternoon ladies and gentlemen – this is your captain.“ Mit diesen Worten beginnt Christopher Wells jeden Mittag pünktlich um 12 Uhr seine offizielle Durchsage. Wir befinden uns an Bord der Queen Mary 2 auf der letzten Etappe unserer Reise um die Welt. Nun geht es „nur noch“ von New York nach Hamburg, einmal quer über den Atlantik. Neun Tage dauert diese Reise mit dem Schiff statt neun Stunden mit dem Flugzeug. Ganz bewusst haben wir uns für diese langsame Art des Reisens entschieden, denn wir wollen uns behutsam der alten Heimat und der Rückkehr in ein normales Leben nähern.

Entdeckt haben wir die Schiffspassage – wie so viele Dinge auf dieser Reise – durch einen Zufall. Als wir im April dieses Jahres zum zweiten Teil unserer Weltreise aufbrechen, sehe ich im Flugzeug von Madrid nach Buenos Aires eine Anzeige. Im Bordmagazin wirbt die Reederei Cunard Lines für ihre unterschiedlichen Transatlantik-Passagen – und bietet im Oktober besonders günstige Kabinen an. Wer mich kennt, weiß, dass ich Schnäppchen liebe – und so nehme ich die Anzeige mit in unser airbnb-Apartment in Buenos Aires. Wir erkunden die Stadt, wir nehmen Spanischunterricht, wir wagen einen Tangoabend – und wir sprechen hin und wieder über das Schiff: Wollen wir uns jetzt schon festlegen, wann wir zurückfahren? Hat das Angebot einen Haken? Passt diese Art des Reisens zu uns?

Nach einigem Hin und Her, entscheiden wir uns dafür, schließlich wollen wir auf der Reise auch immer wieder Neues ausprobieren. Und die Vorstellung, am Ende ganz langsam nach Hause zu fahren und noch einmal Zeit zum Nachdenken zu haben, spricht uns an. Über Herbert Bröckel, unseren Reiselotsen in Deutschland, buchen wir die Passage, wissen alles bestens geregelt und erkunden Lateinamerika auf eigene Faust.

Ein echter Ozeandampfer

Inzwischen ist es sieben Monate später, und wir sind wirklich an Bord der Queen Mary 2. Zusammen mit 2.498 anderen Passagieren aus insgesamt 31 Nationen. Die meisten sind US-Amerikaner, Briten und Deutsche, denn das Schiff startet in New York, legt in Southampton an und endet schließlich im Hamburger Hafen. Offizielle Bordsprache ist Englisch, aber wir hören auch ganz viel Deutsch und lernen an Bord einige nette Landsleute kennen. Das langsame Annähern an die Heimat beginnt also schon hier.

Wir führen – bei gutem Essen und einem Gläschen Wein – angeregte Gespräche über Kunst, Kultur und Politik. Und auch unsere Kleidung verrät nicht mehr, dass wir in den letzten Wochen im Zelt übernachtet und tagsüber meist in T-Shirt und kurzen Hosen herumgelaufen sind. An Bord des Ozeandampfers gilt eine strenge Kleiderordnung – was wir bei der Buchung nicht wirklich bedacht haben – und vor allem ich mache mich in ein paar Tage vor dem Ablegen des Schiffs ziemlich verrückt. In New York suche ich ewig nach einem kleinen Schwarzen, das mir passt und bezahlbar ist. Dazu kommen dann noch Schuhe, und am Freitag morgen – nur ein paar Stunden bevor wir auf das Schiff gehen – kaufe ich mir noch panisch eine schwarze Hose und schwarze Bluse. Wolfgang nimmt das Ganze viel gelassener, kauft sich aber auch einen blauen Anzug und später an Bord noch eine Fliege (!). So sind wir gerüstet für die Abende an Bord, die formale Kleidung erfordern…

An Pier 12 in Brooklyn wird es ernst

Das Gute an diesen Vorgaben ist, dass ich in New York gar keine Zeit mehr habe, über die Heimreise, über das Ende der Weltreise, über das Leben danach nachzudenken. Viel lieber genieße ich New York in vollen Zügen – und erst als wir in das Uber-Taxi steigen, das uns zum Pier 12 in Brooklyn bringt, werde ich deswegen nervös. Sind wirklich schon eineinhalb Jahre vorbei? Wie wird es zuhause sein? Können wir nicht einfach in New York bleiben? Fragen über Fragen schießen mir durch den Kopf während ich aus dem Fenster schaue und wir von Harlem an Manhattan vorbei nach Brooklyn fahren. Gestern sind wir noch – wie Hunderte andere Touristen – von Brooklyn nach Manhattan über die Brooklyn Bridge gelaufen, heute fahren wir mit dem Auto in die andere Richtung und sehen von der Brücke aus die Queen Mary 2 am Pier liegen. Ein stolzes und schönes Schiff. Ein Schiff, auf das der Begriff Ozeandampfer noch zutrifft.

Bei strahlendem Sonnenschein checken wir am 20. Oktober nachmittags um 15.30 Uhr ein. Die Formalitäten gehen schnell und absolut unkompliziert über die Bühne, obwohl wir aus den USA ausreisen. Und schon eine halbe Stunde später sind wir in unserer Kabine mit der Nummer 4101 und finden eine kleine Flasche Sekt zur Begrüßung. So kann es gerne weiter gehen…

Mit Blick auf die Freiheitsstatue und die Skyline von Manhattan stoßen wir an und legen ein paar Stunden später vor dieser wunderbaren Kulisse ab. Inzwischen ist es dunkel geworden, und wir sehen zum Abschied das Lichtermeer von Manhattan, die beleuchtete Brooklyn Bridge und das Empire State Building, dessen Spitze heute lila strahlt.

Pianomen aus dem Allgäu

Abends gehen wir zum ersten Mal in das schicke Britannia Restaurant, in dem nun jeden Abend ein Tisch für uns reserviert ist. Das viergängige Menü hier ist auch in der vegetarischen Variante sehr gut. Und danach können wir jeden Abend aussuchen, ob wir noch einen Drink in der Bar nehmen (immer), uns ein Musical im Bordtheater (manchmal) anschauen oder zum Maskenball (nie) gehen. Das Programm ist bunt und bietet jeden Tag die unterschiedlichsten Veranstaltungen. Uns beeindrucken vor allem die Vorträge von Mark Landler, er ist Journalist der New York Times und seit Jahren deren White House Correspondent.

Und wir genießen die beiden Konzerte von Pianotainment von Stephan Weh und Marcel Dorn. Im Cafe lernen wir die beiden „Jungs“ aus dem Allgäu, die mit ihrem Programm um die ganze Welt reisen, später auch noch persönlich kennen.

Europa rückt näher

Inzwischen ist schon Tag fünf unserer Seereise angebrochen. Kapitän Wells erläutert uns – gewürzt mit einer Prise britischen Humors – dass wir seit New York schon 2.300 Seemeilen zurückgelegt haben und damit zum ersten Mal auf dieser Seereise näher an Europa als am amerikanischen Kontinent sind. Die Stelle, an der die Titanic vor 105 Jahren gesunken ist, haben wir übrigens schon vorgestern Nacht ohne Zwischenfälle passiert. Jeden Tag nach der Durchsage des Kapitäns wird die Uhr um eine Stunde vorgestellt. Aus 12 Uhr mittags wird ganz schnell 13 Uhr Bordzeit. Der Zeitunterschied zur Heimat wird jeden Tag ein bisschen weniger, die Tage vergehen schnell an Bord – und am Sonntag wird unsere Reise dann wirklich zu Ende sein.

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