> aktuelle Reisenotizen, Asien
Kommentare 4

Santa Claus statt Buddha

Die netten Rezeptionistinnen in Makati mit ihren Santa-Claus-Mützen

Statt goldglänzender Tempel, Stupas und Buddhas, wie wir sie zuletzt in Nepal, Vietnam und Laos zuhauf gesehen haben, fallen uns auf den Philippinen sofort die aus Europa vertrauten Symbole des Christentums auf: Kreuze, Kirchen, Heilige. Aktuell, genauer gesagt seit September, kommen noch die überladenen Weihnachtsbäume und das ganze Lametta hinzu – und das bei tropischen Temperaturen um die 30 Grad. Da kommt so richtig besinnliche Adventsstimmung auf…

 

Der vorweihnachtliche Konsumrausch, der hier in Manilas heruntergekühlten Shopping Malls noch extremer ausfällt als zuhause, kann nicht verdecken, dass der Glaube bei den Filipinos tief verwurzelt, Religion im Alltag allerorten präsent ist. 333 Jahre spanische Kolonialgeschichte haben die Philippinen zu einer christlichen Bastion inmitten buddhistischer und islamischer Nachbarregionen (Indonesien, Malaysia) gemacht. Über 90 Prozent der Bevölkerung bekennen sich zum christlichen Glauben bzw. gehören der katholischen Kirche an. Wessen die Herrschaft, dessen die Religion, gilt also bis heute noch – 120 Jahre nach dem Ende der Herrschaft Spaniens über die Philippinen.

Katholische Kirche in Bacalor nördlich von Manila:

philippinen_jesus_kirche

Das koloniale Erbe

Schon in Afrika, Indien und Südostasien hat mich interessiert, wie stark der Kolonialismus die Länder, die wir bisher bereist haben, bis heute prägt und was man als Reisender davon aktuell noch mitbekommt. Auf unserer Route waren es bislang die Deutschen – ganz aktuell ist die Frage der Entschädigung für den Völkermord an den Herero im heutigen Namibia –, die Holländer, Briten und Franzosen, die den Ländern in der meist langen Epoche ihrer Kolonialherrschaft politisch, wirtschaftlich und kulturell ihren harten Stempel aufgedrückt haben. So sind Staaten wie Vietnam, Laos und Kambodscha durch die Kolonialepoche bis heute französisch geprägt, insbesondere kulturell. Und doch haben diese Länder starke eigene historische Wurzeln wie z.B. die Jahrhunderte der Hochkultur der Khmer-Königreiche in Kambodscha mit dem Weltkulturerbe Angkor Wat – das wir vor vier Jahren schon besucht und bestaunt hatten – und in Vietnam die Königstadt Hué. Vietnams ausgeprägtes Selbstbewusstsein basiert auf dem jahrzehntelangen „Krieg im Reisfeld“ mit dem letztlich siegreichen Kampf „David gegen Goliath“ gegen gleich drei Kolonial- bzw. Großmächte: Frankreich, USA und China.

Eine kurze Reise in die Geschichte der Philippinen  

Als wir in Manila ankamen, wussten wir – trotz der üblichen Lektüre einiger Reiseführer – nur sehr wenig über die Philippinen. Sicher, wir hatten vom frisch gewählten Präsidenten Rodrigo Duterte gehört, der aktuell gerne mal als „philippinischer Trump“ bezeichnet wird, seinem machohaften Regierungsstil und seinen rabiaten Sprüchen. Ansonsten sind die Philippinen ja nicht gerade auffallend präsent in den deutschen Medien – immerhin ein Staat mit mehr als 100 Millionen Einwohnern und ein großer Archipel im Westpazifik mit über 7000 Inseln.

Um die sehr spezielle und komplizierte Gegenwart des Inselreichs besser zu verstehen, war es ideal, dass wir gleich zu Beginn mit unseren Freunden die legendäre Intramuros-Tour gemacht haben, den Rundgang durch die spanische Festungsanlage und den ältesten Stadtkern – einstmals Herz der Stadt. Was Carlos Celdran mit seiner Walk this way-Tour in drei Stunden vermittelt, ist zurecht auf den ganzen Philippinen (und natürlich bei Touristen) populär: Er ist ein Performance-Künstler, der seinem Publikum kenntnisreich und humorvoll, schauspielerisch und musikalisch ein Fenster nach dem anderen in die Geschichte, Politik, Kultur und Architektur Manilas öffnet. Wer Lust hat, kann im Folgenden selbst durch einige Zeitfenster schauen.

Intramuros und der Stadtkern am River Pasig:

philippinen_manila_intramuros philippinen_manila_pasig

Was ist philippinisch?

Zwar hat die Inselgruppe eine lange Siedlungs- und frühe Kulturgeschichte, aber erst mit der „Entdeckung“ durch Magellan 1521 und der nachfolgenden Eroberung durch die Spanier werden die Philippinen in ihrer heutigen Form „erfunden“. Sie sind ein spanisch-koloniales Konstrukt. Zu Ehren von König Philipp II. wird die neue Kolonie Islas Filipinas getauft – und bleibt bis zum Ende des 19. Jahrhunderts spanisch. Auch heute noch klingen die meisten Namen und Ortsnamen spanisch. Weil sie strategisch zwischen China und dem spanischen Kolonialreich in Lateinamerika liegen, erleben die Philippinen eine Blütezeit als Handelszentrum. Im Inneren wird das Land unter Großgrundbesitzern aufgeteilt. Die lokale Bevölkerung bleibt landlos und muss hohe Abgaben zahlen. Eine entscheidende Rolle spielen dabei die religiösen Orden und katholischen Priester: Sie machen aus „Heiden“ gute Katholiken und herrschen über riesige Ländereien. Da die Missionare zugleich Teil der kolonialen Verwaltung sind, bleiben Kirche und Staat aufs engste miteinander verflochten. Was die Filipinos nicht lernen, ist Spanisch. Dies bleibt einer kleinen Elite vorbehalten.

Die Macht der Familienclans

Dieses koloniale Erbe wirkt bis heute fort: Einige sehr reiche Familien – ursprünglich Großgrundbesitzer, heute Unternehmerclans – beherrschen nach wie vor das Land. Privater Reichtum und staatliche Macht sind untrennbar miteinander verbunden. Gleichzeitig lebt ein Großteil der Landbevölkerung und die Zugewanderten in den Randvierteln der Großstädte nahezu mittellos: Rund ein Drittel der Filipinos gilt als arm. Sämtliche Pläne einer Landreform scheitern am Widerstand der mächtigen Oligarchen.

Am Beispiel Marcos’ und seiner Familie wird deutlich, wie zerrissen das Land ist. Während wir in Manila sind, findet eine große Rally (Demo) gegen die – nachträgliche – Beisetzung von Ex-Diktator Marcos auf dem Heldenfriedhof statt. Motto der Demonstranten: „Marcus is not a hero!“ Ausländer werden aufgefordert, die Straßen zu meiden, da Gewaltausbrüche befürchtet werden. Es war übrigens Präsident Duterte selbst, der im Wahlkampf versprochen hatte, den einstigen Gewaltherrscher Marcos auf dem Heldenfriedhof beisetzen zu lassen – und damit eine erbittert geführte Kontroverse auf den Philippinen auslöste. Insbesondere die jüngere Generation ist aufgebracht darüber, einen durch und durch korrupten Diktator, der mit seiner Familie das Land zwanzig Jahre lang systematisch ausgeraubt hat, nachträglich zum Helden zu stilisieren.

Was hat Rodrigo Duterte, der erst seit 30. Juni 2016 amtierende Präsident der Philippinen, mit dem Land vor? Er, der sich selbst gerne als The Punisher bezeichnet, ist hier durchaus populär, vor allem wegen seines „Kriegs gegen die Drogenhändler“, aber auch wegen seines angekündigten Kampfs gegen die allgegenwärtige Korruption. Ob er allerdings etwas gegen die allmächtigen Familienclans ausrichten kann (und überhaupt will), da sind viele doch skeptisch. Dafür sind diese zu mächtig und einflussreich, zu gut vernetzt mit Staat und Militär.

Freiheitshelden und Amerikanisierung

Echte Helden hatte das Land auch. Ende des 19. Jahrhunderts formiert sich der Freiheitskampf der Filipinos. Einer ihrer Anführer ist Andres Bonifacio, ein Nationalheld, dem sogar ein Feiertag gewidmet ist. Ein anderer heißt José Rizal, hat in Europa studiert und ist der führende Kopf und Ideengeber der Revolutionäre. Er wird zwar noch von den Kolonialherren hingerichtet, aber kurze Zeit später bricht die spanische Herrschaft zusammen. Doch statt ihre Unabhängigkeit zu erlangen, gelangen die Philippinen unter die Kontrolle der USA, die sie als Kolonie weitere 50 Jahre führen. Fortan bringen Amerikaner den Filipinos ihre Werte und Englisch bei, beuten die Bodenschätze aus und legen weitere Großplantagen an. Die wirtschaftliche und politische Rolle der Großgrundbesitzer bleibt unangetastet, aber die Kolonie wird so stark amerikanisiert, dass sich die Philippinen ironisch gerne mal als 51. Bundesstaat der USA bezeichnen. Tatsache ist, dass das politische System eng an das Vorbild USA angelehnt wurde. Auf dem Papier sind die Philippinen auch eine mustergültige Demokratie.

Gemälde von José Rizal im National Museum of Fine Arts in Manila:

1480916845137

Manila heute

Sie ist die wohl amerikanischste und zugleich widersprüchlichste Stadt auf unserer Reise: Im Zuge der Rückeroberung von den Japanern, die sie 1941 erobert und bis 1945 besetzt hatten, wurde Manila fast vollständig zerstört. Einstmals als „Perle Asiens“ beschrieben, ist heute kaum noch etwas von diesem Glanz übrig. Unzählige Hochhäuser für Banken und Versicherungen säumen die breiten Straßen, dazu hohe Wohntürme, überall dichter Verkehr und endlose Staus. Und mittendrin die berühmt-berüchtigten, überfüllten Jeepneys, das billige Transportmittel für die Bevölkerung. Ein öffentliches Verkehrssystem? Fehlanzeige! Um morgens zur Arbeit zu kommen, muss man schon mal zwei Stunden Fahrt einplanen.

Metro Manila: Eine Megacity mit ca. 13 Millionen Einwohnern, bestehend aus 17 eigenständigen Städten, ohne eigentliches Stadtzentrum, überall Fastfood- und Caféketten wie McDonalds und Starbucks, zahlreiche, riesige und teils sehr luxuriöse Malls, die in hartem Gegensatz zu den großen Slums und Elendsvierteln in anderen Teilen von Manila stehen. Da der öffentliche Sektor weitgehend privatisiert wurde, gibt es kaum Stadtplanung. Auch die Grundversorgung mit Wasser und Strom ist fest in der Hand großer privater Unternehmen, die sich ihrerseits in der Hand reicher Familien befinden.

Wenn man allerdings, wie unsere Freunde Matthias und Lilly mit ihrem kleinen Leo Ferdinand, im Businessdistrikt Makati wohnt, dann kann man sich als Europäer durchaus hier wohlfühlen. Zwischen den Hochhäusern sind kleine grüne Parks, einige ausgedehnte Malls und nette Cafés sind fußläufig zu erreichen und auf einem liebenswürdigen Sonntagsmarkt können wir frisches Obst und Gemüse kaufen und sehr gut essen. Auch ein deutscher Bäcker ist nicht allzu weit entfernt. Wenn man dazu noch ein nettes kleines Appartement bewohnt wie wir, dann kann man sich durchaus auch in Manila zuhause fühlen.

Auf dem Legazpi-Sunday-Market in Makati:

philippinen_manila_sundaymarket

 

 

Literatur: 
Niklas Reese/Rainer Werning (Hg.): Handbuch Philippinen. Gesellschaft, Politik, Wirtschaft, Kultur. Horlemann Verlag, Berlin, 5. Auflage 2014.

4 Kommentare

  1. Pingback: Von Bauern, Banknoten und Teebeuteln | WELTREISE-logbuch.de

  2. Lisa Maria Eckart sagt

    Toller Hintergrundbeitrag! Und ihr zwei auf fotos vor überhängten Christbäumen bringt mich auch zum schmunzeln 😉

    • Die Crew sagt

      Danke für dein Feedback! In Kürze kommt noch ein Interview mit Matthias über seine Arbeit in der Entwicklungszusammenarbeit auf den Philippinen. Das dürfte dich auch interessieren…

  3. gUDRUN! sagt

    Nach Manila hab ich es noch nicht geschafft – allerdings habe ich auf Cebu Tauchen …und die Philippinen ein klitzekleines bisschen kennen und lieben gelernt. Da wir momentan bei ca. 22°C auf Madeira mit allerlei Santa Clause und christlichem WeihnachtsSchmuck konfrontiert sind kann ich die adventliche Irritation nachvollziehen 🙂 …und wünsche adventliche Stimmung ins weit östliche Manila !!!

Wir freuen uns über Eure Kommentare!

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.