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Townships – die andere Seite Kapstadts

Zum Straßenbild der schönen Fünfmillionen-Metropole gehören Bettler, „Kfz-Parkwächter“ und Arbeiter, die in Scharen auf der offenen Ladefläche von „Bakkies“ (Kleinlastwagen) transportiert werden – häufig Tagelöhner. Zum Haushalt der wohlhabenden Mittel- und Oberschicht gehören Angestellte, die sich um Haus, Haustiere und Garten kümmern. Allen gemeinsam ist, dass sie „Black“ oder „Coloured“ sind und trotz Arbeit oftmals an oder unter der Armutsgrenze leben. Einige siedeln in den bis zur Fußball-WM 2010 neu gebauten Wohnungen, viele aber leben nach wie vor in Townships, in schier endlosen Ansammlungen von trostlosen Holz- und Blechhütten.

Wie kann das sein – 20 Jahre nach dem großen Machtwechsel? Warum hat das für afrikanische Verhältnisse vergleichsweise wohlhabende und gut entwickelte Südafrika eine so hohe Arbeitslosen- und Armutsrate? Wieso bekommt der mächtige ANC, seit 1994 einzige Regierungspartei, diese und andere Probleme wie Aids und Kriminalität nicht in den Griff?

Um uns selbst ein Bild zu machen, haben wir gleich in der ersten Woche ein Township besucht: Imizamo Yethu mit 35.000 Einwohnern. Eine junge, selbstbewusste Frau aus Imizamo hat uns beide geführt. Was wir gesehen und gehört haben, hat uns bedrückt. In lichtlosen Bruchbuden hausen Familien mit meist zahlreichen Kindern, die engen Wege dazwischen sind holprig und ungepflegt, bei Regen matschig. Daneben ein paar  feste Steinhäuser und fast schon solide wirkende Wellblechhütten, einige Läden mit billigen Produkten. Die Lichtblicke: Ein großer Kindergarten, Schülerinnen und Schüler, die in ihren gepflegten Schuluniformen so gar nicht ins Bild passen wollen – es gilt die allgemeine Schulpflicht, das Township hat eine eigene Highschool. Und schließlich eine Townhall, in der die politische Vertretung und Verwaltung untergebracht ist. Mittendrin eine Art Bildungs- und Kulturzentrum: Stolz führt uns der Leiter einen von örtlichen Unternehmen gesponserten, gut ausgestatteten Computerraum vor, daneben eine Halle, in der Kinder begeistert Tänze einüben.

Zurück zu den Fragen. Einfache Antworten gibt es auch hier nicht. Tatsache ist, dass zwar die schwarze Mittelschicht stetig wächst uns es auch eine schwarze reiche Oberschicht gibt, die Klassenunterschiede aber geblieben sind. Die Landflucht und das Überquellen der Townships verschärfen die sozialen Probleme. So kommen täglich alleine nach Kapstadt mehr als 800 Menschen. Jede Hütte, die jemand verlässt, wird sofort von jemand anderem benutzt, der eine Unterkunft braucht, denn Südafrika hat nicht nur ein massives Armutsproblem im eigenen Land, sondern auch mit den unzähligen Flüchtlingen aus anderen afrikanischen Ländern, allen voran dem krisengeschüttelten Simbabwe. So leben in den Townships arme schwarze Südafrikaner und Migranten, unterschiedlichste Ethnien und Religionen auf engstem Raum zusammen: eine höchst gefährliche Mischung. Kein Wunder also, dass die Gewaltkriminalität gerade hier erschreckend hoch ist – aber auch überall im Land!

Dies alles ist täglich Thema in den Medien. Verfolgt man dort die aktuellen Berichterstattungen und Diskussionen, so fällt auf, dass die Kritik an der „schwarzen Regierung“, sie solle sich mehr um die Verbesserung der Lebensverhältnisse der Menschen kümmern als um ihre eigenen Pfründe, wohl deutlich zugenommen hat. Und sie kommt eben auch von Anhängern des ANC, dem sie eine „Arroganz der Macht“ vorwerfen. Das schöne Bild von der Regenbogennation bekommt Risse, aber es bleibt der Respekt vor den Errungenschaften des neuen Südafrika. Es ist diese Vielschichtigkeit, die das Land am Kap zugleich faszinierend und verstörend macht.

Literatur: Edith Werner, Südafrika. Ein Land im Umbruch. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2010.

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