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Über Leben in Buenos Aires

Hola amigos, como estáis? Bevor wir Buenos Aires morgen Richtung Mendoza verlassen, hier ein kleines Fazit unserer Eindrücke. Wie ihr wisst, wollen wir auf unserer Reise ein wenig hinter die Kulissen einer Stadt oder eines Landes schauen. Nicht nur ihre touristischen Schauseiten sehen, die üblichen Reiseführer-Tipps und Highlights, sondern so etwas wie die Normalität erleben, also auch die „Rückseiten“ der bereisten Länder erkunden. Doch was ist das, die „Normalität“ einer Megacity wie Buenos Aires, die mit allen Vorstädten etwa 13 Millionen Einwohner hat? Lässt sie sich für Reisende wie uns überhaupt erschließen? Wohl kaum, wenn dazu noch die Sprachbarriere kommt, wie das bei mir der Fall ist. Zwar habe ich hier recht fleißig Spanisch gelernt, aber über einfache Sätze komme ich natürlich (derzeit noch?) nicht hinaus. Zum Glück spricht Elke schon viel fließender, zudem beherrschen etliche jüngere Leute auch Englisch.

Stadtwanderungen und Begegnungen

Das Leben hier nach nur einem Monat verstehen oder gar beurteilen zu wollen, wäre vermessen  viele Argentinier verstehen ihre Metropole wohl selbst kaum. Ich beschränke mich hier also darauf, meine persönlichen Eindrücke wiederzugeben. Dabei spielt übrigens die Art und Weise, wie wir uns in der Stadt fortbewegen, eine durchaus wichtige Rolle. Wir laufen sehr gerne und sehr viel, auch lange Strecken. Ja, man könnte sagen, wir erwandern uns die Stadt. Das ist zwar langsam, aber dabei bekommt man schon viel mit. Doch auch bei unseren seltenen Taxifahrten haben wir einiges zu hören bekommen. So hat uns der Fahrer Luis Horacio Calieni unterwegs einiges über den schwierigen Alltag der „kleinen Leute“ erzählt, die mit einer sehr geringen Rente auskommen müssen  und das bei hoher Inflationsrate und einem insgesamt sehr hohen Preisniveau.

Gesprächiger Taxifahrer: Luis Horacio Calieni

Das Fahren mit der „Subte“, wie die U-Bahn hier genannt wird, ist für uns auch ein kleines Abenteuer: die Züge sind unglaublich voll, unten herrschen tropische Temperaturen und das Streckennetz ist sehr kompliziert. Doch beim „Stadtwandern“ spüren wir den Rhythmus der Stadt, das Tempo oder die Hektik, mit der alle unterwegs sind, die Gerüche und den Lärm. Was auch sehr dabei hilft, die Stadt zu erkunden  und dazu noch sehr viel mehr Spaß macht  ist das Radfahren. Zwar ist der Verkehr hier schon brutal und das Auto hat überall Vorfahrt, aber immerhin gibt es in manchen Straßen eigene Radtrassen für Biker. Schön und halbwegs sicher ist das allerdings nur an Sonn- und Feiertagen  oder bei einem Generalstreik, wie wir ihn gleich am zweiten Tag hier erlebt haben , wenn der Pulsschlag der Stadt deutlich langsamer wird.

Immer hektisch: Die Subte-Station Corrientes

Immer voll: Menschenmassen strömen in die U-Bahn und zum Bus

Wohnen im Barrio

Um mehr über eine Stadt und ihren Alltag zu erfahren, mieten wir uns auch lieber eine Wohnung auf Zeit als in ein Hotel oder Hostel zu gehen. So wohnen wir derzeit in einem Stadtviertel (Barrio), in dem eher die sogenannten „kleinen Leute“ leben, machen dort täglich unsere Einkäufe, lernen dabei etwas die Gewohnheiten der Leute hier kennen und gehen auch gerne ins Cafe um die Ecke, um einen Cafe con leche y dos medialunas zu uns zu nehmen.

Zweites Frühstück: cafe con leche y dos medialunas

Oder wir gehen ins Fußballstadion. Tatsächlich bekamen wir durch Vermittlung einer deutsch-argentinischen Familie, die seit Jahren in Buenos Aires lebt, Karten für ein Spiel von River Plate gegen Sarmiento. Während die Fans alles gaben, leidenschaftlich ihr Team anfeuerten, blieb das Spielniveau eher zweitklassig. Irgendwie kam mir das bekannt vor…

Eintrittskarte: Sonntag Abend im Fußballstadion

Große Gefühle: Fans von River Plate

Kontakte zu Einheimischen bekamen wir übrigens auch durch unsere Vermieterin Gisele, die uns erst zum Tangoabend in eine der zahlreichen Milongas einlud und uns dann mit ihrem Mann Eduardo zum Essen in San Telmo ausführte. Auch so erfuhren wir einiges übers Leben in Buenos Aires.

Die glanzvolle Seite

Für all das braucht man Zeit. Deshalb  und natürlich zum Spanischlernen  sind wir jetzt auch schon einen Monat in Buenos Aires. Auf den ersten Blick wirkt dort vieles sehr europäisch: das Stadtbild einer pulsierenden Metropole mit den stolzen Prachtbauten und breiten Avenidas aus der Blütezeit der Stadt um 1900, die Kultur mit ihren zahlreichen, zum Teil sogar hinreißend schönen Buchläden, den beeindruckenden Musik- und Theaterhäusern, den zahllosen schönen alten Cafes und nicht zuletzt den Portenos, denen man ihre Herkunft aus verschiedenen europäischen Ländern deutlich ansieht. Sie dominieren das Straßenbild. Im Gegensatz dazu sind Mitglieder indigener Völker in Buenos Aires eher selten zu sehen, und wenn, dann in den ärmeren Vierteln. Übrigens sieht sich Buenos Aires selbstbewusst als Kulturhauptstadt Südamerikas.

Ehemalige Theaterkasse – jetzt Kasse des Buchladens „El Ateneo“

Wunderbarer Buchladen: Regale über Regale in den ehemaligen Theaterrängen

Der Personenkult und der alltägliche Kampf ums Überleben

Auf den zweiten Blick ist aber doch einiges deutlich anders. Vieles ist hier heftiger, intensiver, emotionaler. So beispielsweise bei dem Kult um die nationalen Idole, die  das ist vielleicht typisch argentinisch  aus allen Schichten und Bereichen der Gesellschaft kommen. Zu den Großen Vier zählen die „Nationalheilige“ Evita Peron, der Tangosänger Carlos Gardel, der Fußballer Diego Maradona und der Revolutionär Che Guevara. Schon eine eigenartige Mischung, oder? Seit kurzem kommt noch der argentinische Papst Francesco dazu. Sie alle sind überall präsent, gleichsam Ikonen des Landes, auf Gebäuden, Plakaten und auf Wandgemälden.

Verkehr vor Ikone: Die „Avenida 9 de Julio“ ist die breiteste Straße der Welt und ist jeden Tag entsprechend voll. Im Hintergrund rechts ein Hochhaus mit einem Bild von Evita.

Heftig ist – wie gesagt  auch der Verkehr in Buenos Aires. Mit seinen schier endlosen Staus, der Hektik, dem Lärm und auch dem Gestank der Straßen erinnert er uns bisweilen an Thomas Hobbes‘ Kampf aller gegen alle. Dies mag übertrieben klingen, aber wer schon mal erlebt hat, welche Machtspiele auf den Straßen hier ausgetragen werden, welche Massen von LKWs und Bussen hier in hohem Tempo auch durch enge Straßen brausen und wie freimütig die Verkehrsregeln hier ausgelegt werden, der wird uns verstehen. Dies, zumal wir als Fußgänger bzw. Radfahrer ja zu den Schwächsten in diesem Spiel gehören. Wir müssen jedenfalls immer höllisch aufpassen.

Radweg: Hin und wieder gibt es in Buenos Aires sogar eigene Spuren für Radler

Zur Rückseite dieser Stadt gehört auch deren hohe Kriminalitätsrate. Zwar sind wir glücklicherweise selbst bislang davon verschont geblieben, aber nahezu jeder kann dir davon erzählen, wie schnell du hier unterwegs deine Wertsachen los wirst. So gehen wir in aller Regel nur mit etwas Bargeld in der Tasche los und lassen alles, was uns wichtig ist, in der Wohnung. Und der Rucksack wir hier immer nur vorne getragen.

Vorsichtsmaßnahme: Elke trägt ihren Rucksack immer vorn – so wie das auch die Argentinierinnen tun

Dabei ist das Sicherheitsproblem auch nicht verwunderlich, denn die sozialen Gegensätze treten hier weitaus schärfer zutage als bei uns. Ein Beispiel: Für die Mülltrennung sind hier Kolonnen von Männern unterwegs, die tagsüber oder auch nachts die großen Müllcontainer nach Brauchbarem durchwühlen. Während die einen Papier oder Kartons mitnehmen, sammeln die anderen den Plastikmüll ein und ziehen damit in ihren primitiven Rollwägelchen durch die Straßen. Sitzen wir in einem Cafe draußen, kann es schon sein, dass jemand kommt und die Reste vom Nebentisch mitnimmt. Armut ist hier allenthalben sichtbar.

Voll beladen: Dieser Müll-Sammler ist aus Altpapier spezialisiert

Politik auf argentinisch

Zugespitzt ist auch die politische Kultur des Landes. Argentinien ist ein Land, in dem die politischen Lager seit Jahrzehnten heftig aufeinander losgehen   und zwischendurch auch mal das Militär die Macht an sich reißt, wie in den sehr dunklen, brutalen Jahren der Militärdiktatur. Es gibt nur schwarz oder weiß, dafür oder dagegen. Auf der einen Seite der sogenannte Peronismus, zuletzt verkörpert von Christina Kirchner, bis 2015 Staatspräsidentin. Er steht für einen engen Schulterschluss zwischen Regierung und Gewerkschaften, für einen starken, protektionistisch agierenden Staat. Seine Gegner sehen ihn als Inbegriff eines populistischen Regierungsstils und kritisieren sowohl die massive Korruption als auch die schlimmen wirtschaftlichen Folgen, zum Beispiel in Form einer sehr hohen Inflationsrate.

Auf der anderen Seite steht der wirtschaftsliberal-konservative Flügel, den der derzeitige Präsident Mauritio Macri vertritt, der den Märkten vertraut, auf Privatisierungen setzt und das ‚Klima für Investoren“ verbessern möchte. Dass auch hier wieder China eine führende Rolle spielt, mag kaum noch überraschen. So ist China in den letzten Jahren zum größten Geldgeber Argentiniens aufgestiegen. Wenig überraschend auch, dass es derzeit fast dauernd Streiks der Peronisten gegen ihn und seine Regierung gibt. Ein bekannter argentinischer Witz geht übrigens so: „Ich interessiere mich nicht für Politik. Ich bin Peronist.“ Schöner kann man, glaube ich, die Mentalität der Argentinier kaum auf den Punkt bringen.

Klare Botschaft: In diesem Wandgemälde wird Präsident Marie als Marionette der Wirtschaft dargestellt

Queridos saludos!

4 Kommentare

  1. Pingback: Mit der Queen Mary 2 über den Atlantik | WELTREISE-logbuch.de

  2. Cooler Bericht! Der Taxifahrer ist so süß *.* Ich finde ein Land, eine Stadt, ein Dorf, die Menschen machen es zu etwas besonderem. Die unvergesslichen Stories, die ich für meinen Teil habe, sind meistens unvergesslich durch die Bekanntschaften. Ich hoffe, dass jeder solch guten Erfahrungen mit seinen Mitmenschen weltweit macht. Das letzte mal hatten wir im Feriendorf Toskana eine einzigartige Zeit, tolle Menschen kennengelernt und viele Geschichten gehört. Das ist einmalig!

  3. gUDRUN sagt

    Hallo Wolfgang, toll bebilderte Collage über Stadt und Gesellschaft!

Wir freuen uns über Eure Kommentare!

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