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Was für ein Paar!

Obwohl sie ein höchst spannendes und abenteuerliches Leben in Chiapas/Mexiko geführt haben, sind beide bei uns wohl weitgehend unbekannt: Frans Blom, dänischer Archäologe und Trudy Duby-Blom, Photographin und Umweltschützerin aus der Schweiz. Wir sind auf sie gestoßen, als wir das Museum Na Bolom in San Christobal de las Casas besucht haben. Ein Ort, an dem viele Geschichten erzählt werden: über die Lacandonen-Indianer, einen kleinen, fast verschwundenen Stamm aus dem Grenzgebiet zwischen Chiapas und Guatemala, über die Entdeckungsgeschichte der Maya-Ruinen im tiefen Urwald dieser Region, über das stattliche Anwesen selbst (das früher ein Kloster war), vor allem aber über dessen einstigen Bewohner.

Ein Leben für die Ureinwohner

Gertrude Duby aus dem Berner Oberland hatte sich schon früh politisch und publizistisch engagiert, war in der deutschen Widerstandsbewegung gegen Hitler aktiv und war deshalb sogar kurze Zeit in einem Lager interniert. 1940 konnte sie aber nach Mexiko fliehen, wo sie sich zunächst als Sozialarbeiterin engagierte. Doch erst als sie 1948 auf den dänischen Archäologen Frans Blom traf, der den Urwald von Chiapas nach Maya-Ruinen durchstreifte, fand sie ihre Berufung. Mit der Kamera in der Hand dokumentierte sie das Leben der Lacandonen, einem kleinen Stamm von Waldindianern, die vom Aussterben bedroht waren. Durch ihre eindrucksvollen Schwarz-Weiß-Fotos wurde deren Schicksal öffentlich bekannt und führte dazu, dass diese bis heute besonderen Schutz durch den mexikanischen Staat genießen.

… und für den Umweltschutz

Auf ihren zahlreichen Expeditionen durch den tropischen Dschungel des Chiapas-Tieflands dokumentierte sie auch das Sterben des Urwalds und machte dies weltweit publik. Wurden bis dahin die Urwälder gnadenlos gerodet, um sie zu Geld zu machen, wurde 1972 zumindest ein Teil als Selva Lacandona unter Naturschutz gestellt. Auch für diese Rolle als Umweltaktivistin erfuhr sie große, internationale Anerkennung. Als sie 1993 im Alter von 92 Jahren in San Christobal starb, hinterließ sie nicht nur ein eindrucksvolles photographisches und publizistisches Lebenswerk, sondern, mit ihrem Mann zusammen, ein großes Anwesen:  das Casa Na Bolom, was in der Mayasprache ‚Haus des Jaguars‘ bedeutet. Zu ihren Lebzeiten ein wissenschaftliches und kulturelles Zentrum mit Gästehaus und großer Bibliothek, heute ein sehr lebendiges und anschauliches Museum.

Archäologe und Abenteurer

Geboren und aufgewachsen in Kopenhagen, wanderte Frans Blom mit 26 Jahren nach Mexiko aus, arbeitete zunächst in der Ölindustrie, begann dann aber, sich für die Maya-Ruinen zu interessieren. Durch Vermittlung konnte er ein Archäologie-Studium in Harvard, USA absolvieren. Auch wenn er sich selbst lieber als Abenteurer denn als Archäologe sah (was man auf den Photos gut sehen kann), so entwickelte er sich im Laufe zahlreicher Expeditionen zum anerkannten Maya-Forscher, der nicht nur viele Maya-Ruinen entdeckte, sondern sich auch als gewissenhafter Geograph der Ruinenstätten und der sie umgebenden Regionen hervortat. Frans Blom, der zusammen mit seiner Frau bis ins Alter wissenschaftliche Expeditionen durchführte, starb 1963 im Alter von 70 Jahren.

Zwei Einwanderer, die ihre Lebensaufgabe fanden

Was mich an den beiden interessiert, ja fasziniert, ist nicht nur ihre Bereitschaft, ihr altes Leben in Europa hinter sich zu lassen (mit dem Gedanken, es zumindest für ein paar Jahre zu tun, haben wir durchaus auch gespielt), sondern sich voll und ganz dem neuen Land und ihren Bewohnern zu verschreiben, ja, sich geradezu in deren Dienst zu stellen. Während zahlreiche Migranten eher eine gewisse „europäische“ Distanz zu ihrem neuen Zuhause hielten, waren beide auf ihre Art leidenschaftlich und sehr eng mit ihrer neuen Heimat verbunden, deren faszinierender präkolumbianischer Geschichte und deren komplizierter, widersprüchlicher Gegenwart. Vollends identifiziert hat sich vor allem Gertrude Duby-Blom mit Land und Leuten, durch ihre Nähe zu den Menschen, den Einsatz für das Volk der Lacandonen und den Willen, deren Kultur zu schützen und zu erhalten.

Chiapas – Hochburg der Zapatisten

Deren Kampf für Anerkennung, mehr Autonomie und gegen Armut geht übrigens bis heute weiter. Während wir hier in San Christobal de las Casas sind, haben Zapatisten – benannt nach dem 1919 erschossenen Freiheitshelden Emiliano Zapata – ein Protestcamp auf dem Hauptplatz vor der Kathedrale eingerichtet. Damit protestierten sie gegen Landvertreibungen der ohnehin sehr armen ländlichen Bewohner in der Region. Da nirgendwo in Mexiko die sozialen Gegensätze so scharf sind wie in der Provinz Chiapas, erhalten die Zapatisten, die sich erklärtermaßen für die Sache der Ureinwohner einsetzen, hier nach wie vor viel Zuspruch. So ist San Christobal heute nicht nur ein beliebtes Touristenzentrum, sondern auch eine Hochburg der Zapatisten, die sich in der jüngeren Vergangenheit heftige Auseinandersetzungen mit der mexikanischen Staatsmacht lieferten – u.a. besetzten sie 2005 die Stadt und das Rathaus von San Christobal. Mittlerweile sind ihre Protestformen wohl  friedlicher geworden, aber ihr Anliegen bleibt es, der indigenen Bevölkerung Wege aus der Armut zu erkämpfen, ihre Bildung zu verbessern und für ihre Rechte einzutreten.

Alle Schwarz-Weiß-Photographien hängen im Original im Museum Na Bolom in San Cristobal de las Casas.

1 Kommentare

  1. gUDRUN sagt

    Hallo Wolfgang,
    Danke für diesen tollen Artikel ! Auch wir waren damals in San Cristobal de las Casas und haben sogar 2 Tage an einer von den Lacandonen geführten DschungelWanderung teilgenommen. Das Na Bolom ist uns dabei leider entgangen…super, über Euch wieder was Neues dazu gelernt zu haben !

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