Reisenotizen, Europa
Kommentare 2

Auf abgelegenen Pfaden der „Via Liguria“

Wir sind zu Fuß unterwegs nach San Pellegrino. Es ist schwülwarm, der Weg oft verwachsen und das Gras steht mannshoch. Gerade erst haben wir uns verlaufen, wir haben offenkundig einen Abzweig verpasst und müssen steil runter. Da ist er wieder, der „Sentiero Partigiano“, der mit einem roten Stern gekennzeichnet ist. Der Partisanenweg führt schier endlos am steilen Hang weit oberhalb eines abgelegenen Tals mit einer tiefen Schlucht und ist Teil der „Via Liguria“, auf der ich drei Tage mit einer Wandergruppe unterwegs bin.

Die gesamte Gegend ist sehr abgelegen, nur vereinzelt liegen kleine Weiler an den Berghängen oder in den Tälern. Das Gebiet ist gebirgig und liegt zwischen dem Comer See und Bergamo – daher auch der Name „Bergamasker Alpen“. Wir sind auf dem Weg nach Süden, genauer gesagt auf der „Via Liguria“, einem Fernwanderweg, der auf wenig begangenen Pfaden vom Bodensee bis nach Ligurien an die Cinque Terre führt, von Oberschwaben ans Mittelmeer. Entwickelt hat ihn unser Wanderleiter Jochen, der sich unterwegs natürlich bestens auskennt. Das ist auch notwendig, denn „einfach so“ würde ich den Weg nicht finden. Insgesamt umfasst er 715 Kilometer und wird in fünf Etappen begangen.

Jochen Ebenhoch

Ich bin nur für wenige Tage dabei, habe mir einen Teil der dritten Etappe zum Testen ausgesucht, von Cremeno bis nach Bergamo. Da ich sonst meistens allein, mit Elke, unseren Töchtern oder mit Freunden in den Bergen unterwegs bin, will ich diese Art von mehrtägigen Gruppenwandern für mich erst einmal ausprobieren.

Wandergruppe

Wolfgang auf Brücke

Vom Vogelfang und einer Einladung zum Tantra

Der erste Tag beginnt vielversprechend. Wir steigen durch teils unwegsames Gelände, kraxeln über umgestürzte Bäume an einem Bachbett entlang und sodann recht steil auf eine Passhöhe, wo sich zum ersten Mal der Blick auftut für die Schönheit dieser abgeschiedenen und waldreichen Region. Was ich auch sehe: Vogelfang-Stationen mit Lockvögeln in Käfigen und Netzen. Das ist zwar auch hier verboten, wird dennoch „aus alter Tradition“ an abgeschiedenen Stellen gepflegt. Zwar kein schöner Anblick, aber die Betroffenheit mancher aus der Gruppe kann ich dennoch nicht teilen. Sie wäre zumindest glaubwürdiger, wenn man gleichzeitig betroffen wäre von der oft elenden Tierhaltung und Schlachtung bei uns. Die aber sieht man beim Essen nicht…

Apropos: Was wir hier schon mittags aufgetischt bekommen, ist reichhaltige und sehr feine regionale Küche, bei der auch ein Vegi zufrieden vom Tisch aufsteht. Danach geht’s noch stundenlang durch ausgedehnte Laubwälder ins Val Taleggio, berühmt für seinen gleichnamigen Käse. Wir nehmen schließlich Quartier in einem Hotel, das noch eine kleine Überraschung bereit hält: Im „Borgo Zen“ ist der Chef Buddhist – wohl deshalb ist das Haus von Yoga-Gruppen bevölkert, die teils in weiten, weißen Gewändern an den Esstischen sitzen, während im Hintergrund Meditationsmusik läuft. Vollends interessant wird es, als eine sympathisch wirkende Italienerin an unseren Tisch kommt und Werbung für einen Tantra-Kurs macht. Zwar sind wir gleichermaßen erstaunt und erfreut, dass wir Bergwanderer überhaupt dafür in Betracht gezogen werden. Schon unser Outfit (und unser Alter) unterscheidet uns ja doch sehr vom Rest der Gäste. Da wir aber doch Zweifel daran haben, ob das wirklich zu uns passt, lassen wir es sein…

Vom Val Taleggio nach San Pellegrino

Der nächste Tag bringt uns dann auf den besagten Partisanenweg. Widerstandskämpfer gegen den Faschismus haben ihn genutzt, bevor sie im Jahr 1944 von italienischem Militär und deutscher Waffen-SS aufgespürt und erschossen bzw. verschleppt wurden. Zur Erinnerung und zum Gedenken an die Partisanen stehen große Tafeln im Zentrum des kleinen Örtchens Pianca, das wir mittags erreichen.

Wolfgang auf dem Partisanenweg

Später am Tag wandern wir durch einen abgelegenen, sehr malerischen Ort namens Camerata Cornello, der wiederum Erstaunliches zu bieten hat. Es ist der historische Geburtsort der Familie Thurn und Taxis. Ein kleines Museum im Ort beleuchtet die Geschichte dieses später sehr vermögend und berühmt gewordenen Adelsgeschlechts. Seit dem 12. Jahrhundert dort als niederer Adel nachweisbar, wurde es im 14. und 15. Jahrhundert durch seine Kurierdienste sehr wohlhabend und einflussreich und stieg in den Hochadel auf. Dazu eine kleine Notiz am Rande: Um das zu erreichen, mussten sie behaupten, von einem alten lombardischen Adelsgeschlecht namens „Torre“ abzustammen. Das war zwar nicht nachweisbar (also wohl geschummelt), aber es funktionierte. Bei der Eindeutschung wurde aus dem Turm (Torre) ein „Thurn“ und aus dem Dachs, dem ursprünglichen Wappentier der Familie, ein „Taxis“. Auch so geht Aufstieg. Bekanntermaßen gelten die Thurn und Taxis als die Begründer des europaweiten Postwesens.

Blick auf Camerata Cornello

Wer San Pellegrino hört oder liest, denkt unwillkürlich an das berühmte Mineralwasser. Tatsächlich stammt es aus dem Ort, in dem wir an diesem Tag übernachten. San Pellegrino ist ansonsten ein eher ruhiger Kurort mit Thermalbad, dessen großzügige Prachtbauten (Badehaus, Casino und Grandhotel) aus der Jahrhundertwende (19./20. Jh.) an vergangenen Glanz erinnern. Übrigens: Woher der rote Stern auf dem Etikett der Flaschen stammt, weiß niemand so genau. Auffallend aber ist, dass wir ihn auf allen Wegweisern für den Sentiero Partigiano, also ganz in der Nähe von San Pellegrino fanden…

Nach Bergamo

Die letzte Tagesetappe startet für mich mit einem Cappuccino an der Bar im traditionsreichen Cafe Bigio, auch berühmt für seine selbstgemachten Biscotti. Nach einer kurzen Busfahrt geht es recht steil aufwärts. Da es nachts geregnet hat, sind die Waldpfade sehr rutschig, zumal wir immer wieder den Normalweg verlassen und quer durch das Gelände kraxeln. Erster Höhepunkt des Tages ist ein Picknick auf einer Passhöhe mit herrlicher Aussicht: Brot, Käse, Wein, Oliven, eine scharfe Paprikapaste und etwas Obst – mehr braucht es nicht.

Picknick

Danach geht’s zügig abwärts in Richtung Bergamo, unserem Tagesziel, das wir nach etwa sieben Stunden erreichen. Begrüßt werden wir von der eindrucksvollen Silhouette Bergamos, den Türmen der auf einer Anhöhe gelegenen Altstadt. Dort stoßen wir erst einmal auf – Menschenmassen! Nach Tagen des Wanderns in fast menschenleeren Gegenden ist das ungewohnt, zumal wir mit unseren Rucksäcken und Wanderklamotten erkennbar anders aussehen als das Heer der Touristen und insbesondere die elegant gekleideten Einheimischen. Wir aber scheren uns nicht darum und stoßen auf der Piazza Vecchia vor dem Rathaus mit Prosecco auf das erfolgreiche Ende dieser Etappe an.

Ankunft in Bergamo

Mein Fazit

Wer eine Weitwanderung auf wenig begangenen Pfaden sucht, bei denen neben intensiven Naturerlebnissen auch Kultur und Geschichte hautnah erfahren werden können, für den ist diese Art des langsamen Reisens sicherlich gut geeignet – zumal man in der Gruppe rasch Gleichgesinnte finden wird. Die Gruppengröße war mit 12 Personen meines Erachtens an der Obergrenze, wobei die Frage, wie unterschiedlich konditionell belastbar die Mitwanderer sind, für mich keine Rolle spielte. „Belastbar“ sollten allerdings alle im Hinblick auf den kulinarischen Genuss sein, wird doch das Kennenlernen und Genießen der regionalen Küche auf diesen Wanderungen zurecht großgeschrieben.

Weitere Informationen auf der Website von Jochen Ebenhoch: www.via-liguria.de

Und hier noch ein paar Bilder:

 

 

2 Kommentare

  1. Annette Bausewein sagt

    Schöner Wanderbericht… da hat man sofort Lust sich auf die Socken zu machen

Wir freuen uns über Eure Kommentare!

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.