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Auf abgelegenen Pfaden der „Via Liguria“

Wir sind zu Fuß unterwegs nach San Pellegrino. Es ist schwülwarm, der Weg oft verwachsen und das Gras steht mannshoch. Gerade erst haben wir uns verlaufen, wir haben offenkundig einen Abzweig verpasst und müssen steil runter. Da ist er wieder, der „Sentiero Partigiano“, der mit einem roten Stern gekennzeichnet ist. Der Partisanenweg führt schier endlos am steilen Hang weit oberhalb eines abgelegenen Tals mit einer tiefen Schlucht und ist Teil der „Via Liguria“, auf der ich drei Tage mit einer Wandergruppe unterwegs bin.

Die gesamte Gegend ist sehr abgelegen, nur vereinzelt liegen kleine Weiler an den Berghängen oder in den Tälern. Das Gebiet ist gebirgig und liegt zwischen dem Comer See und Bergamo – daher auch der Name „Bergamasker Alpen“. Wir sind auf dem Weg nach Süden, genauer gesagt auf der „Via Liguria“, einem Fernwanderweg, der auf wenig begangenen Pfaden vom Bodensee bis nach Ligurien an die Cinque Terre führt, von Oberschwaben ans Mittelmeer. Entwickelt hat ihn unser Wanderleiter Jochen, der sich unterwegs natürlich bestens auskennt. Das ist auch notwendig, denn „einfach so“ würde ich den Weg nicht finden. Insgesamt umfasst er 715 Kilometer und wird in fünf Etappen begangen.

Jochen Ebenhoch

Ich bin nur für wenige Tage dabei, habe mir einen Teil der dritten Etappe zum Testen ausgesucht, von Cremeno bis nach Bergamo. Da ich sonst meistens allein, mit Elke, unseren Töchtern oder mit Freunden in den Bergen unterwegs bin, will ich diese Art von mehrtägigen Gruppenwandern für mich erst einmal ausprobieren.

Wandergruppe

Wolfgang auf Brücke

Vom Vogelfang und einer Einladung zum Tantra

Der erste Tag beginnt vielversprechend. Wir steigen durch teils unwegsames Gelände, kraxeln über umgestürzte Bäume an einem Bachbett entlang und sodann recht steil auf eine Passhöhe, wo sich zum ersten Mal der Blick auftut für die Schönheit dieser abgeschiedenen und waldreichen Region. Was ich auch sehe: Vogelfang-Stationen mit Lockvögeln in Käfigen und Netzen. Das ist zwar auch hier verboten, wird dennoch „aus alter Tradition“ an abgeschiedenen Stellen gepflegt. Zwar kein schöner Anblick, aber die Betroffenheit mancher aus der Gruppe kann ich dennoch nicht teilen. Sie wäre zumindest glaubwürdiger, wenn man gleichzeitig betroffen wäre von der oft elenden Tierhaltung und Schlachtung bei uns. Die aber sieht man beim Essen nicht…

Apropos: Was wir hier schon mittags aufgetischt bekommen, ist reichhaltige und sehr feine regionale Küche, bei der auch ein Vegi zufrieden vom Tisch aufsteht. Danach geht’s noch stundenlang durch ausgedehnte Laubwälder ins Val Taleggio, berühmt für seinen gleichnamigen Käse. Wir nehmen schließlich Quartier in einem Hotel, das noch eine kleine Überraschung bereit hält: Im „Borgo Zen“ ist der Chef Buddhist – wohl deshalb ist das Haus von Yoga-Gruppen bevölkert, die teils in weiten, weißen Gewändern an den Esstischen sitzen, während im Hintergrund Meditationsmusik läuft. Vollends interessant wird es, als eine sympathisch wirkende Italienerin an unseren Tisch kommt und Werbung für einen Tantra-Kurs macht. Zwar sind wir gleichermaßen erstaunt und erfreut, dass wir Bergwanderer überhaupt dafür in Betracht gezogen werden. Schon unser Outfit (und unser Alter) unterscheidet uns ja doch sehr vom Rest der Gäste. Da wir aber doch Zweifel daran haben, ob das wirklich zu uns passt, lassen wir es sein…

Vom Val Taleggio nach San Pellegrino

Der nächste Tag bringt uns dann auf den besagten Partisanenweg. Widerstandskämpfer gegen den Faschismus haben ihn genutzt, bevor sie im Jahr 1944 von italienischem Militär und deutscher Waffen-SS aufgespürt und erschossen bzw. verschleppt wurden. Zur Erinnerung und zum Gedenken an die Partisanen stehen große Tafeln im Zentrum des kleinen Örtchens Pianca, das wir mittags erreichen.

Wolfgang auf dem Partisanenweg

Später am Tag wandern wir durch einen abgelegenen, sehr malerischen Ort namens Camerata Cornello, der wiederum Erstaunliches zu bieten hat. Es ist der historische Geburtsort der Familie Thurn und Taxis. Ein kleines Museum im Ort beleuchtet die Geschichte dieses später sehr vermögend und berühmt gewordenen Adelsgeschlechts. Seit dem 12. Jahrhundert dort als niederer Adel nachweisbar, wurde es im 14. und 15. Jahrhundert durch seine Kurierdienste sehr wohlhabend und einflussreich und stieg in den Hochadel auf. Dazu eine kleine Notiz am Rande: Um das zu erreichen, mussten sie behaupten, von einem alten lombardischen Adelsgeschlecht namens „Torre“ abzustammen. Das war zwar nicht nachweisbar (also wohl geschummelt), aber es funktionierte. Bei der Eindeutschung wurde aus dem Turm (Torre) ein „Thurn“ und aus dem Dachs, dem ursprünglichen Wappentier der Familie, ein „Taxis“. Auch so geht Aufstieg. Bekanntermaßen gelten die Thurn und Taxis als die Begründer des europaweiten Postwesens.

Blick auf Camerata Cornello

Wer San Pellegrino hört oder liest, denkt unwillkürlich an das berühmte Mineralwasser. Tatsächlich stammt es aus dem Ort, in dem wir an diesem Tag übernachten. San Pellegrino ist ansonsten ein eher ruhiger Kurort mit Thermalbad, dessen großzügige Prachtbauten (Badehaus, Casino und Grandhotel) aus der Jahrhundertwende (19./20. Jh.) an vergangenen Glanz erinnern. Übrigens: Woher der rote Stern auf dem Etikett der Flaschen stammt, weiß niemand so genau. Auffallend aber ist, dass wir ihn auf allen Wegweisern für den Sentiero Partigiano, also ganz in der Nähe von San Pellegrino fanden…

Nach Bergamo

Die letzte Tagesetappe startet für mich mit einem Cappuccino an der Bar im traditionsreichen Cafe Bigio, auch berühmt für seine selbstgemachten Biscotti. Nach einer kurzen Busfahrt geht es recht steil aufwärts. Da es nachts geregnet hat, sind die Waldpfade sehr rutschig, zumal wir immer wieder den Normalweg verlassen und quer durch das Gelände kraxeln. Erster Höhepunkt des Tages ist ein Picknick auf einer Passhöhe mit herrlicher Aussicht: Brot, Käse, Wein, Oliven, eine scharfe Paprikapaste und etwas Obst – mehr braucht es nicht.

Picknick

Danach geht’s zügig abwärts in Richtung Bergamo, unserem Tagesziel, das wir nach etwa sieben Stunden erreichen. Begrüßt werden wir von der eindrucksvollen Silhouette Bergamos, den Türmen der auf einer Anhöhe gelegenen Altstadt. Dort stoßen wir erst einmal auf – Menschenmassen! Nach Tagen des Wanderns in fast menschenleeren Gegenden ist das ungewohnt, zumal wir mit unseren Rucksäcken und Wanderklamotten erkennbar anders aussehen als das Heer der Touristen und insbesondere die elegant gekleideten Einheimischen. Wir aber scheren uns nicht darum und stoßen auf der Piazza Vecchia vor dem Rathaus mit Prosecco auf das erfolgreiche Ende dieser Etappe an.

Ankunft in Bergamo

Mein Fazit

Wer eine Weitwanderung auf wenig begangenen Pfaden sucht, bei denen neben intensiven Naturerlebnissen auch Kultur und Geschichte hautnah erfahren werden können, für den ist diese Art des langsamen Reisens sicherlich gut geeignet – zumal man in der Gruppe rasch Gleichgesinnte finden wird. Die Gruppengröße war mit 12 Personen meines Erachtens an der Obergrenze, wobei die Frage, wie unterschiedlich konditionell belastbar die Mitwanderer sind, für mich keine Rolle spielte. „Belastbar“ sollten allerdings alle im Hinblick auf den kulinarischen Genuss sein, wird doch das Kennenlernen und Genießen der regionalen Küche auf diesen Wanderungen zurecht großgeschrieben.

Weitere Informationen auf der Website von Jochen Ebenhoch: www.via-liguria.de

Und hier noch ein paar Bilder:

 

 

19 Monate auf Weltreise: Airbnb in Kérkira

„Keramidia House“ in Kérkira

Eine sehr entspannte leichte Woche haben wir gerade in Kérkira, der „Metropole“ Korfus, verbracht. Mitten in der Altstadt liegt die schöne große Wohnung, die wir über airbnb gemietet haben.  [mehr]

19 Monate auf Weltreise: Segeltörn rund um Lefkas

Die Wiederentdeckung

Endlich ist es so weit. Nach genau einem Jahr Pause sind wir wieder in der Welt unterwegs – dieses Mal sind es vier Wochen Griechenland – und machen eine Wiederentdeckung nach der anderen.

Die Wiederentdeckung der Heimat

Kaum zu glauben: Heute vor einem Jahr ging unsere Weltreise zu Ende – und nach 19 Monaten „on tour“ kamen wir mit der Queen Mary 2 im Hamburger Hafen an. Das Zurückkommen nach Deutschland und das „Wiederreinkommen“ fiel uns nicht leicht. Zwar haben wir uns mit Familie und Freunden getroffen und das Wiedersehen sehr genossen. Doch gleichzeitig haben wir auch festgestellt, dass manche Freundschaft unsere lange Abwesenheit nicht überdauert hat – und dass erstaunlich wenig Menschen etwas über unsere Reise und unsere Erfahrungen wissen wollten. Vielleicht ist es ja ein Nachteil, wenn man einen Blog betreibt…

Darüber hinaus haben wir es uns wohl auch selbst etwas schwer gemacht, weil wir in den ersten fünf Monaten nach unserer Heimkehr nicht in Nürnberg wohnten – unser Haus war noch vermietet – sondern an den Bodensee gingen und dort in Konstanz und später auch in Wangen im Allgäu „probewohnten“. Denn nach der Weltreise wollten wir zwar wieder in Deutschland leben, waren uns aber nicht ganz sicher, ob es wieder Nürnberg sein soll. Die Stadt gefällt uns immer noch – aber es kam und kommt uns komisch vor, nach der langen Reise an den gleichen Ort in das gleiche Haus und – für Elke – vielleicht auch noch in den gleichen Job zurückzukehren. Große Entscheidungen standen also an, und wir hatten so einige Diskussionen und manche schlaflose Nacht.

Klarheit brachte uns ein professioneller Coaching-Tag, den eine gute Freundin für uns machte:

Coaching nach 19 Monaten Weltreise: Wie geht es weiter?

Viele Optionen: Bei einem Coaching-Tag überlegten wir, was uns nach der Weltreise wichtig ist.

Systematisch arbeiteten wir unsere Ziele heraus und was wir dafür tun müssen. Am Abend war klar: Wir verkaufen unser Haus und suchen uns eine Wohnung, damit wir freier sind und weiterhin viel reisen können. Wir ziehen in Richtung Bodensee, weil wir in der Nähe eines Sees und der Berge leben wollen. Und Elke arbeitet freiberuflich, damit sie nicht durch einen festen Job an einen Ort gebunden ist. Danke Cornelia für die vielen Erkenntnisse an nur einem Tag! Wir haben sie alle in die Tat umgesetzt: Unser Haus haben wir an eine sehr nette junge Familie verkauft und sind Ende August aus der Torwartstraße ausgezogen. Danach haben wir zum Glück eine Wohnung in der Nähe von Ravensburg gefunden und gekauft und ziehen am 1. Dezember ein. Und bis dahin wohnen wir in Nürnberg bei unserer Freundin Monika und ihrem Sohn Anton – und fühlen uns mit den beiden so wohl, dass wir eigentlich gar nicht mehr alleine leben wollen. Danke Euch beiden! Ihr müsst uns ganz oft am Bodensee besuchen kommen.

„Der See“ ist übrigens Wolfgangs Heimat. Er ist in Ravensburg geboren – und wir ziehen nun ganz in die Nähe. Also: Die Wiederentdeckung der Heimat.

Die Wiederentdeckung Europas

Wir werden sehen, ob wir uns in Oberschwaben wohlfühlen. In fünf Wochen ziehen wir nach Berg bei Ravensburg in eine – im Vergleich zu unserem Haus – eher kleine Wohnung. Noch dazu in einem Neubau, obwohl wir immer eine Altbauwohnung gesucht haben. Aber wir probieren es aus. Die Wohnung hat eine sehr große Terrasse mit weitem Blick in die Landschaft, an manchen Tagen werden wir die Allgäuer Berge sehen. Was wollen wir mehr? Nun, wir hoffen, dass wir auch interessante Menschen kennenlernen, mit denen sich neue Freundschaften entwickeln. Und wir freuen uns, wenn uns alte Freundinnen und Freunde in unserem neuen Domizil besuchen kommen. Das ist eine Einladung!

Im Rohbau: Diese Wohnung in Berg bei Ravensburg wird unser neues Zuhause sein.

Im Rohbau: Diese Wohnung in Berg bei Ravensburg wird unser neues Zuhause sein.

Was hat das nun alles mit der Wiederentdeckung Europas zu tun? Wir ziehen ja nur von Nürnberg nach Berg, von Bayern nach Baden-Württemberg, von Franken nach Schwaben. Das stimmt. Aber wir ziehen eben auch in ein Vier-Länder-Eck mit Deutschland, Österreich, der Schweiz und Liechtenstein. Auch Italien ist nah. Und diese Nähe so ganz unterschiedlicher Kultur- und Landschaftsräume gepaart mit offenen Grenzen haben wir bei der Weltreise tatsächlich noch mehr zu schätzen gelernt als wir das ohnehin schon taten. Apropos offene Grenzen: Wer an Grenzen weltweit erlebt hat, wie übertrieben und aufwändig sich Nationalstaaten immer noch voneinander abschotten, obwohl dies in globalisierten Zeiten kaum noch Sinn macht, ja mitunter lächerlich wirkt, für den ist klar: Es lohnt sich, für ein freies, selbstbewusstes und offenes Europa zu streiten. Und dafür, Europa als vielgestaltigen Kulturraum zu erhalten, der sich seiner unterschiedlichen Wurzeln und gemeinsamen Werte bewusst ist. Ein Kulturraum, der historisch gesehen immer auch geprägt wurde durch Zu- und Auswanderung – und der sich schon deshalb nicht abschottet gegenüber den weltweiten Wanderungsbewegungen. Also: Die Wiederentdeckung Europas.

Die Wiederentdeckung des Reisens

Wie Ihr merkt, hatten wir nach der Weltreise ein Jahr voller großer Entscheidungen. Zeit fürs Reisen blieb da nicht – und erstaunlicherweise auch gar keine Muse, um unsere Weltreise noch einmal zu „verarbeiten“. Was wollten wir nicht alles tun – ein Buch schreiben, eine Diashow machen, Vorträge halten. Nichts davon haben wir bisher angefangen, schade eigentlich. Vielleicht wird es ja noch was, wenn wir wieder ein Zuhause haben und angekommen sind. Wir werden sehen.

Immerhin betreiben wir gerade schon aktiv die Wiederentdeckung des Reisens. Vier Wochen sind wir im Moment in Griechenland unterwegs, denn dieses Mal sollte es unbedingt ein Land in Europa sein – und ein gutes Segelrevier. Schließlich heißt unser Reiseblog weltreise-logbuch, weil wir ursprünglich mal von einem Langzeittörn träumten. Nach drei Jahren ohne Segeln starteten wir nun mit zwei Wochen im Ionischen Meer. Dazu gleich mehr. Jetzt verbringen wir eine Woche in einer sehr schönen Altstadtwohnung in Kerkyra auf Korfu, und danach schauen wir uns noch die Metropole Athen an.

19 Monate auf Weltreise: Blick über die Dächer von Kerkyra auf Korfu

Grandioser Ausblick: Dachlandschaft in der Altstadt von Kerkyra

Wir sind mit den gleichen Reisetaschen unterwegs wie bei der Weltreise – und so manche Erinnerung wird wach. Das ist gut so! Denn auch jetzt sind wir wieder völlig glücklich, wenn wir unterwegs sind. Und es geht schon vielversprechend los, denn am Frankfurter Flughafen treffen wir bei der Gepäckkontrolle völlig überraschend Silvia und Ruth, zwei Freundinnen aus Paderborn, die Elke vor zwei Jahren beim Kochkurs in Vietnam kennengelernt hat. Was für ein schöner Zufall!

Danach geht es für uns weiter nach Griechenland – und hier verbringen lustige Abende mit fremden Menschen, unterhalten uns lange mit einer Griechin, die im australischen Melbourne aufgewachsen ist, und treffen auf Ithaka eine junge französische Familie, die mit den Rädern unterwegs ist – und nichts weniger als eine Weltreise damit macht! Lena und Gilles sind mit ihren Kindern Maelle (14), Celia (12) und Maxime (8) vor fast vier Monaten in der Bretagne aufgebrochen und sind nun unterwegs nach Athen, von wo aus es nach Asien weitergehen soll. Die Schule hatte übrigens nichts dagegen, dass die Kinder ein Jahr lang von ihren Eltern unterrichtet werden: Eine echte Schule des Lebens! Wir sind begeistert und voller Respekt für dieses mutige Projekt. Hier ihre lesenswerte Website samt Blog www.year-round-the-world.com. Wir freuen uns riesig, dass sie unserer Einladung zum Frühstück an Bord folgten, natürlich mit leckeren frischen Croissants.

Zwei Weltreise-Teams treffen sich auf der Segelyacht in Griechenland

Sieben Weltreisende: Diese französische Familie radelt gerade um die Welt, wir machen die erste Reise nach der Weltreise…

Weltreise: Eine französische Familie ist mit dem Fahrrad unterwegs

year-round-the-world.com: Mit Familie und Fahrrad um die Welt.

Auch in Korfu-Stadt fühlen wir uns sofort in der Wohnung zuhause, gehen am Markt einkaufen, unterhalten uns mit den Nachbarn und, und, und. Anders ist allerdings, dass wir die vier Wochen gut geplant haben: schon Wochen vorher das Boot gechartert, die Wohnungen auf Korfu und in Athen gebucht. Das ist bei vier Wochen sicher gut – aber der große Charme unserer großen Reise war eben auch, dass wir fast alles ohne Plan gemacht haben und genau diese Offenheit uns dann die schönsten Momente beschert hat. Daran arbeiten wir noch – auch bei kurzen Reisen.

Die Wiederentdeckung des Segelns

Nun zum Segeln. Wolfgang hat – wie er gerne sagt – noch vor dem Führerschein das Bodenseeschifferpatent gemacht. Denn als Kind und Jugendlicher verbrachte er viele Ferien bei der Verwandtschaft in Ravensburg – und sein Onkel Heinrich besaß ein schnittiges Segelboot, einen so genannten Drachen, am Bodensee. Wolfgang durfte oft mit und entdeckte die Lust am Segeln – und „lockte“ viele Jahre später auch mich aufs Segelboot. Zu meinem großen Erstaunen bin ich absolut seefest und fühle mich auch bei starkem Wind richtig wohl an Bord. Wir verbrachten also etliche schöne Segelferien auf gecharterten Yachten. Meistens in der Türkei, manchmal in Griechenland, einmal in Kroatien und einmal auf Elba – am Anfang in der Flottille, danach allein mit Freunden oder Familie, und bisher nur einmal allein. Dieses Mal ist es wieder zu zweit, und damit das gut klappt, habe ich extra im Juli noch eine „Ladies Sailing Week“ beim Deutschen Hochseesportverband DHH am Chiemsee gemacht und endlich meinen Grundschein bekommen. Viel wichtiger ist jedoch, dass ich endlich den Wind besser verstehe, und so manche Aktion an Bord deutlich klarer für mich ist. Nichtsdestotrotz haben wir in der ersten Woche an Bord so manchen kleinen Fehler gemacht, lagen abends aber immer sicher im Hafen oder in einer kleinen Bucht im Ionischen Meer rund um die Inseln Lefkas, Meganisi, Kefalonia und Ithaka.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

So schön es in den zwei Wochen war, es ist uns doch auch klar geworden, dass wir keine Langzeitsegler sind und ein Törn mit eigenem Segelboot über den Atlantik nicht ansteht. Uns würde die Bewegung ebenso fehlen wie die Erkundung der kleinen und großen Orte an Land.

Glück hatten wir übrigens schon auch: Von einem Erdbeben mit erheblichen Schäden auf der südionischen Insel Zakynthos bekamen wir erstaunlicherweise gar nichts mit. Und just als wir das Boot sicher zurück in seinen Heimathafen gesteuert hatten, brachen hier und auf der gesamten Adria Herbststürme mit Orkanstärken los. Was sind wir froh, jetzt nicht mehr Wind und Wetter auf dem Meer ausgeliefert zu sein!

Die Wiederentdeckung Griechenlands

Auch bei diesem Törn gab es viele Hafenstädtchen – und die Geschichten dahinter – zu entdecken. Allen voran auf der Insel Ithaka, wo der berühmte Odysseus und seine Penelope gelebt haben sollen. Die Forscher sind sich noch uneins, ob das wirklich stimmen kann, aber irgendwo hier im Ionischen Meer nahm das Heldenepos seinen Lauf. Grund genug für uns, ein wenig einzutauchen in die griechische Mythologie. In Athen wird uns das sicher zu Gute kommen – und vorher bummeln wir durch die engen Gassen von Kerkyras Altstadt, trinken hier und da den griechischen Eiskaffee „Frappe“, essen ein paar leckere Kekse dazu – und gehen abends zu Wein, Salat, gebratenem Saganaki-Käse und Auberginen-Paste über. Das ist zwar recht viel Griechenland-Klischee auf einmal, die Wiederentdeckung Griechenlands funktioniert aber zumindest bei uns so…

19 Monate auf Weltreise: Gasse in Griechenland

blau-weiß: Selbst die kleinsten Gassen leuchten in den griechischen Nationalfarben.

19 Monate auf Weltreise: Fischer im Hafen von Kioni

Der Fischer und sein Boot: Sonniger Nachmittag im Hafen von Kioni.

19 Monate auf Weltreise: Hafen in Vathy

Hübsches Chaos: Fischerboote, Stühle, Netze und Leinen im Hafenstädtchen Vathy.

Zitat des Dalai Lama vor tibetischen Gebetsfahnen

„Besuche einmal im Jahr einen Ort, an dem Du noch nie gewesen bist.“ [Dalai Lama]

Der Dalai Lama

ist das geistliche Oberhaupt Tibets und trägt den Titel „Seine Heiligkeit“. Tenzin Gyatso, der 14. Dalai  Lama,  bezeichnet sich selbst jedoch gern als einfachen buddhistischen Mönch.

Bei unserer Weltreise

waren wir eine Woche lang im nordindischen Daramshala. Fast alles ist hier von Tibet geprägt, Mönche und Gebetsmühlen bestimmen das Straßenbild. Kein Wunder, ist der 30.000 Einwohner-Ort am Fuße des Himalaya doch seit 1959 Sitz des Dalai Lama und der tibetischen Exilregierung. Ihn selbst haben wir aber nicht gesehen, denn er war auf Lesereise in Deutschland…

Reisterrassen von Banaue auf den Philippinen

aufregend & intensiv:
Wie wir in 19 Monaten um die Welt reisten

Träumst Du auch von einer Weltreise? Dann mach es unbedingt, es könnte die beste Zeit deines Lebens werden. Wir selbst waren 19 Monate unterwegs – von Nürnberg flogen wir zuerst nach Afrika, dann führte uns unsere Route nach Asien und Australien und irgendwann über Amerika zurück. Inzwischen sind wir wieder in Deutschland und machen erst einmal kleinere Reisen in Europa. Was wir in der Welt erlebt haben, findet Ihr in unseren Blogartikeln. Und eine kurze Zusammenfassung gibt es in diesem Interview „Weltentdecker des Monats“ für den bekannten Reiseblog www.wetravelthworld.de. 

Wann wir gemerkt haben, dass wir definitiv mit dem Travelbug infiziert sind:

Wir wurden beide – unabhängig voneinander – schon sehr früh mit dem Reisevirus infiziert. Elke liebt von klein auf Wüstenlandschaften, Wolfgang segelt seit jungen Jahren und träumte stets von einer Weltumsegelung.

Elke kommt aus einer oberfränkischen Kleinstadt und fuhr als Kind mit ihren Eltern immer in den gleichen Urlaubsort in Oberbayern. Ihr erster Flug ging deshalb mit Anfang 20 nach Mexiko, wo sie zwei Monate als Backpackerin unterwegs war.

Auch Wolfgang brach, sobald er konnte, aus dem engen elterlichen Reisehorizont aus und machte sich auf den Weg nach Skandinavien und Irland, später dann in die USA.

Die Idee für unsere gemeinsame Weltreise hatten wir in Kambodscha, als wir unseren Freund Matthias besuchten. Der war dort für die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) aktiv und ermöglichte uns ungewöhnliche Einblicke in das Land.

Nach diesen zwei eindrucksvollen – aber viel zu kurzen Wochen – war uns klar: Sobald wie möglich brechen wir selbst zu einer langen Reise auf, bei der wir uns so viel Zeit für Land und Leute nehmen können wie wir brauchen, um auch in das Alltagsleben und die Kultur eines fremden Landes einzutauchen.

Matthias und seine Frau Lilly leben inzwischen mit ihrem kleinen Sohn Leo auf den Philippinen. Klar, dass wir sie bei unserer Reise um die Welt auch in Makati besucht haben – und uns auch die Reisterrassen in Banaue angeschaut haben.

19 Monate auf Weltreise: Die Reisterrassen von Banaue auf den Philippinen

Was unsere längste Reise war:

Unsere längste Reise war natürlich unsere Weltreise: 19 Monate waren wir nonstop unterwegs – von April 2016 bis Ende Oktober 2017. Elke hat dafür ihren sicheren Job als Pressesprecherin einer großen Hochschule gekündigt, Wolfgang verkaufte das Auto, vermietete das Haus und brach unmittelbar nach seiner Pensionierung zusammen mit Elke auf.

Ab ging’s mit einem One-Way-Ticket in das Wüstenland im Süden Afrikas, nach Namibia. Hier waren wir mit einem Offroader unterwegs und schliefen im Dachzelt des Autos.

19 Monate auf Weltreise: Offroader mit Dachzelt in Namibia

Danach haben wir „auf Sicht geplant“, also von Etappe zu Etappe entschieden, wo wir als Nächstes hinwollen. Die am weitesten entfernte Punkte auf unserer Reise waren Orte in Australien, insbesondere Melbourne und Sydney. Allerdings sagt die reine Distanz nichts darüber aus, wie fern – und fremdartig – uns Land und Leute sein können.

Trotz der großen Entfernung war uns diese Kultur vertraut, wir fühlten uns dort schnell zuhause. Wolfgang wäre auch gerne dortgeblieben. Elke würde allerdings lieber in Kapstadt leben…

Was unser lustigstes Reiseerlebnis war:

Besonders schöne Sommertage verlebten wir auf Hornby Island, einer sehr kleinen Insel vor Vancouver Island in Kanada. Wir besuchten Eliza und Roy, bei denen unsere Tochter Lisa Maria kurz zuvor zwei Nächte Couchsurfen war.

19 Monate auf Weltreise: Haus mit Garten auf Hornby Island

Auch wir wohnten ein paar Tage bei den beiden und dann boten sie uns spontan an, dass wir während ihres eigenen Urlaubs Haus und Hof hüten können. Dafür mussten wir nur den Garten gießen und Hund, Katze und Hühner füttern.

Kurz zuvor war ihnen allerdings ein Huhn davongelaufen, wir sollten also gut aufpassen. Wolfgang liebte es, die Hühner regelmäßig zu füttern – und das sprach sich offenbar schnell herum. Als wir uns am Tag unserer Abreise schon verabschiedet hatten und losfahren wollten, kam plötzlich ein Huhn um die Ecke: Das verlorene Huhn war zurückgekehrt!

19 Monate auf Weltreise: Das verlorene Huhn kehrt zurück

Was auf all unseren Reisen immer dabei sein muss:

Elke: Bei mir ist es Cäcilia, eine kunterbunte, vorlaute Stoffgiraffe aus dem Senegal. Sie ist mittlerweile sehr reiseerfahren und hat schon viel von der Welt gesehen. In Deutschland langweilt sie sich ziemlich und deshalb quängelt sie und drängt auf erneuten Aufbruch in die große weite Welt…

Wolfgang: Ich bin süchtig nach Musik und reise deshalb nicht ohne meinen kleinen Reiselautsprecher. Damit kann ich überall meine Lieblingsmusik hören – auch und gerade in den entlegensten Gebieten. Mein Credo: Bach geht eigentlich überall, am besten aber in grandiosen Landschaften.

19 Monate auf Weltreise: Stoffgiraffe, Lautsprecher und Weltkarte

Mit welchem Gepäckstück wir reisen:

Wir reisen beide mit einer Rollenreisetasche von Vaude – Wolfgang hat die große, Elke die kleine. Für 19 Monate Weltreise hatten wir jeweils auch noch einen mittelgroßen Rucksack für Wanderungen dabei. In dem war immer unser Leicht-Schlafsack, eine Regenjacke und eine Zahnbürste – also eine Ausrüstung für den „Notfall“, der übrigens nie eingetreten ist.

19 Monate auf Weltreise: Wolfgang Eckart und Elke Zapf aus Nürnberg

Was unser größter Reisetraum ist:

Nach der Weltreise ist vor der Weltreise. Deshalb planen wir, künftig mindestens drei Monate im Jahr unterwegs zu sein, sei es mit einem Segelboot oder mit einem orangenen VW-Bus quer durch Europa. Traumziele haben wir natürlich auch noch: Allen voran wollen wir 2019 per Schiff von Patagonien in die Antarktis. Aber auch eine Reise in den Iran oder nach Äthiopien steht ganz oben auf unserer Agenda.

Was uns noch wichtig ist:

Die Weltreise war die beste Entscheidung unseres Lebens – und wir kommen nicht mehr los vom Reisevirus. Besonders wichtig für uns war, dass wir ohne festen Plan gereist sind – und so dem Zufall eine Chance geben konnte.

Die besten Begegnungen mit den interessantesten Menschen sind nur dadurch entstanden. Zum Beispiel das „Haus-Hüten“ auf Hornby Island oder eine sehr besondere Situation in Südafrika, wo wir in Bulungula an der „Wild Coast“ zufällig einen zeremoniellen Hüttenbau miterlebt haben.

19 Monate auf Weltreise: Xhosa-Frau in Südafrika

19 Monate auf Weltreise: Männer und Frauen bauen eine Hütte in Bulungula

Wir haben auch sonst vieles ausprobiert und viele tolle Menschen kennengelernt. Vor allem, wenn wir mal länger an einem Ort waren. Zum Beispiel haben wir uns in Kapstadt und in Melbourne jeweils für einen ganzen Monat eine Wohnung gemietet.

Und in Hanoi waren wir eine ganze Woche und hatten so die Zeit, einen Kochkurs zu machen. Sehr lecker! Übrigens haben wir auch als  Vegetarier haben fast immer und überall gut gegessen.

19 Monate auf Weltreise: Zutaten für ein leckeres vietnamesisches Gericht

 

 

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Der Kreis schließt sich

Auch zwei Jahre Auszeit sind irgendwann vorbei. Am 4. April 2018 – auf den Tag genau zwei Jahre nach unserem Aufbruch – sind wir wieder in Nürnberg angekommen. Mit dem Zug, mit Gepäck, am Hauptbahnhof. Nun sind wir erst einmal wieder in unserem Haus in Zabo und sind gespannt, wie es weitergeht.

Bleiben wir in Nürnberg oder zieht es uns woanders hin? Sucht Elke sich wieder einen Job oder arbeitet sie freiberuflich? Wo engagiert sich Wolfgang, sei es ehrenamtlich oder nachberuflich in Projekten rund um das Thema Bildung? Schreiben wir ein Buch über unsere Erlebnisse? Finden wir ein neues gemeinsames Projekt, das uns begeistert und weiterhin zu neuen Ufern aufbrechen lässt?  Wir wissen es noch nicht. Aber wir wissen, dass unsere Weltreise die absolut richtige Entscheidung war und es immer noch ganz viel zu entdecken gibt. Vielleicht mit einem VW-Bus oder einem Segelboot. Es wird sich zeigen…

„Es gibt keinen Weg, der nicht irgendwann nach Hause führt.“ (aus Afrika)

Reise-ABC

Und bis dahin schreiben wir ab jetzt jede Woche einmal einen Beitrag in einem Reise-ABC. Mit allgemeinen Tipps zum Reisen vermischt mit unseren ganz persönlichen Erfahrungen. Von A wie Apartment bis Z wie Zugfahren. Und vielleicht schaffen wir es ja bis zu D wie Diashow auch mal, eine zu erstellen und Euch einzuladen, wenn sie fertig ist.

„Unterwegs im Auftrag des Herrn“

Seit deutlich mehr Flüchtlinge nach Europa kommen, ist Afrika bei uns verstärkt ins Blickfeld gerückt. Meist geht es dabei um die gravierenden Probleme, die dieser Kontinent noch immer hat, seltener um die positiven Entwicklungen und Chancen. Eine faire Entwicklungspolitik soll helfen, die Fluchtursachen zu bekämpfen, darüber sind sich (fast) alle einig. „Schluss mit unserem Kolonialismus!“ fordert daher Gerd Müller, CSU-Mitglied (!) und derzeit Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Andere Stimmen hingegen warnen, dass sich Afrika selbst helfen müsse. Der Anspruch, dass die armen Länder Afrikas mit Entwicklungsgeld zu retten seien, sei viel zu ambitioniert.

Sich dazu eine eigene Meinung zu bilden, ist gar nicht so einfach. Auch auf unserer Weltreise waren wir ja vielfach mit diesen Fragen konfrontiert gewesen. Da traf es sich gut, dass die Akademie Caritas Pirckheimer Haus in Nürnberg (CPH) im Januar 2018 eine Reise in das westafrikanische Land Senegal organisierte. Anlass war die alljährliche Feier der Partnerschaft zwischen der Diözese Thiès und dem Erzbistum Bamberg.  Mit Siegfried Grillmeyer, dem Direktor des CPH, hatten wir denn auch einen sehr engagierten Delegationsleiter. So organisierte er auch medizinisches Material und Schreibmaterialen zum Mitnehmen. Die Reisegruppe selbst war durchaus heterogen: Neben Siegfried und seinem Sohn Leonhard noch der Verwaltungsleiter CPH („Bruder Klaus“), dazu Mitglieder des Lions-Clubs Nürnberg-Franken. Und ich: weder – noch. Nur recht kirchenfern…

Vom Schneesturm in den Senegal: In Nürnberg ging es mit Verzögerung los, in Paris wurde das Flugzeug erst repariert – dann endlich Ankunft im Maison Dupretre, Thiès

Einblicke in die Bistumspartnerschaft

Bei unserer „Senegalexpedition“ sollte es darum gehen, sich die konkreten Projekte, die im Rahmen dieser Partnerschaft entstanden sind, anzuschauen, die beteiligten Menschen (insbesondere die auf senegalesischer Seite) kennen zu lernen und so ein wenig mehr von der afrikanischen Lebenswirklichkeit zu erfahren – und darüber zu berichten. Ob auch ein Blick hinter die Kulissen möglich sein würde? Auf jeden Fall würde diese Reise eine gute Möglichkeit sein, unsere (Vor)Urteile über Afrika auf den Prüfstand zu stellen.

Der Zugang zur afrikanischen Realität durch die Institution katholische Kirche und ihre Weltsicht war für mich recht gewöhnungsbedürftig. Als „katholisch erzogener Agnostiker“ habe ich keinerlei Talent, diese „Sichtweise aus dem Glauben heraus“ zu teilen. Was mich letztlich aber interessiert, ist die Frage, wie im Kleinen eine gelingende Zusammenarbeit in konkreter Form aussehen kann. Oder anders gesagt: Auf der Suche nach Großem im Kleinen fündig werden. Dahinter steht letztlich aber auch die Frage, ob sich kleinteilige Entwicklungsarbeit überhaupt „lohnt“ oder doch nur den Effekt hat, das eigene Gewissen zu beruhigen. Oder, wie in diesem Fall, vorrangig der Missionsarbeit dient.

Katholisch und farbenfroh: kirchliches Leben im Senegal.

Ein dichtes Besuchsprogramm

Für nur eine Woche Aufenthalt war das Programm sehr ambitioniert: Zahlreiche Begegnungen und Gespräche mit den Akteuren vor Ort, also Vertretern der Diözese Thiès, insbesondere mit Bischof André Gueye, aber auch des Erzbistums Bamberg mit Weihbischof Gössl und einigen Mitarbeitern. Dazu etliche Besichtigungen kirchlich getragener Bildungs- und Sozialprojekte in Thiès und auf dem Land, Besuch von Klöstern und einer großen Moschee in Touba im Landesinneren. Kirchlicher Höhepunkt war ein großer Festgottesdienst in der Kirche von Bambey aus Anlass des elfjährigen Bestehens der Partnerschaft. Ein Highlight war für mich der Empfang beim deutschen Botschafter in Dakar. Dazu gleich mehr.

Zu Besuch: beim großen Schulfest, in einer Grundschule – und in der klösterlichen Hostienbäckerei.

Ergänzt wurde das Besuchsprogramm durch touristische Ziele wie den Besuch der Insel Gorée mit einem historischen Gebäude, in dem Westafrikaner, die als Sklaven nach Amerika verschleppt wurden, zusammengetrieben wurden. Heute ist das Haus ein Erinnerungsort für den Sklavenhandel, die Insel selbst ist seit 1978 UNESCO Weltkulturerbe. Allerdings vermittelt sich dem Besucher kaum die besondere Tragik des Ortes, eher wirken Gebäude und Insel heute heiter, ja fast mediterran…

Tragischer und idyllischer Ort: Die Insel Gorée.

Der Senegal, eine stabile Demokratie

Im scharfen Kontrast dazu steht das Festland. Die Hauptstadt Dakar ist zwar eine pulsierende westafrikanische Metropole, doch gleich dahinter breitet sich ein staubiges, armes Land aus. Das Klima im Norden ist – bis auf die Regenzeit im Sommer – heiß und trocken, entsprechend herrscht Savanne vor, Landwirtschaft ist daher mühsam. Amtssprache ist seit der Kolonialzeit Französisch, die Staatsform Republik. Erfreulicherweise gehört der Senegal, der erst 1960 politisch unabhängig wurde, zu den stabilen Demokratien Afrikas. Zu den positiven Entwicklungen gehört auch das friedliche Zusammenleben der unterschiedlichen Ethnien und Religionen. Senegal ist ein islamisch dominiertes Land (90%), das Christentum nur sehr gering verbreitet (ca. 5%), doch das Verhältnis zwischen Christen und Muslimen ist von gegenseitigem Respekt geprägt.

Stabile Demokratie, aber ärmliche Lebensverhältnisse: Alltagsszenen 

Ein smarter Botschafter

Interessante Hintergrundinformationen bekamen wir beim Besuch der Deutschen Botschaft in Dakar. Botschafter Stephan Röken sprach beispielsweise die rasche Bevölkerungsentwicklung im Senegal als fundamentales Problem an. So wuchs die Bevölkerung zwischen 1960 und 2017 von 3 auf 16 Millionen an, davon sind aktuell 60% unter 20 Jahre alt. Migration ist deshalb ein großes Thema, sowohl innerhalb des Senegal (in die Städte) als auch nach Europa und in die USA. Bevorzugtes Ziel der Auswanderung ist Frankreich, wo bereits Hunderttausende Senegalesen leben. Nach Deutschland kommen hingegen nur wenige: circa 1.500 Senegalesen leben zurzeit in Deutschland, einige davon sind übrigens in der zentralen Asylbewerber-Aufnahmeeinrichtung Oberfranken in Bamberg untergebracht.

Im Gespräch: Runde mit dem Botschafter Stephan Röken und Siegfried Grillmeyer in harter Missionsarbeit mit dem Autor

 

Das Problem der Migration

Da der Senegal als sicheres Herkunftsland gilt, haben Asylbewerber praktisch keine Chance auf Anerkennung. Interessanterweise wies Botschafter Röken darauf hin, dass es häufig einen erheblichen Druck seitens der Familien im Senegal gebe, einen der ihren zur Auswanderung nach Europa zu drängen, stellen die dann zu erwarteten Überweisungen doch eine erhebliche Einnahmequelle dar. Werden die jungen Senegalesen dann zurückgeschickt, bedeute das für sie und ihre Familien, dass sie versagt hätten. Allerdings erweise sich die Rückführung als schwierig, weil der Staat sie nicht wiederhaben wolle. Um einer Flucht nach Deutschland schon im Mutterland vorzubeugen, wurde just in der Woche, in der wir dort waren, von deutscher Seite ein Migrationszentrum in Dakar eingerichtet. Dort sollen potenzielle Auswanderer über die Risiken illegaler Migration informiert und Rückkehrern finanzielle Hilfe geleistet werden. Auch investiert Deutschland im Senegal zusätzliche 5,6 Millionen Euro in Projekte, die gezielt Rückkehrern helfen und Arbeitsmöglichkeiten für junge Senegalesen schaffen sollen. Das klingt sehr sinnvoll.

Kirchliche Projekte als Lerngemeinschaft

Auch unsere Gastgeber von der Diözese Thiés kümmern sich darum, jungen Senegalesen eine Perspektive zu geben und Familien vor Ort praktisch zu unterstützen: Letztere durch landwirtschaftliche Projekte und sogenannte Mikrokredite, vornehmlich an Frauen. Erstere durch gute schulische Angebote wie im College St. Gabriel mit 2.300 Schülerinnen und Schülern – von denen übrigens etwa die Hälfte muslimisch ist! Im Gegensatz zu den öffentlichen Schulen, die heillos unterfinanziert sind, gibt es dort hohe Abschlussquoten. Der Staat zahlt zwar nur sehr geringe Zuschüsse, das Schulgeld ist dementsprechend teuer, aber durch Schülerpatenschaften – derzeit um die 900, wiederum aus Oberfranken (!) – können doch auch viele Kinder und Jugendliche aus armen Familien an guter Bildung teilhaben. Das verdient Respekt! Wenn ihr das unterstützten wollt, hier der Link zur Aktion Schulgeld. Das große, lebendige Schulfest, an dem wir als Gäste teilnahmen, war für mich denn auch einer der Höhepunkte der Reise. Begrüßt wurden wir übrigens durch den Schülersprecher – auf Deutsch. So überraschte es dann auch kaum, dass es dort einen „Deutschclub“ gibt.

Oberfrankenpower

Dass auch unsere Gastgeber in Thiés, Bischof Guèye und alle Abbés (Pfarrer), sehr gut Deutsch sprechen, verwundert ebenfalls nicht, da sie als Urlaubsvertretungen lange Jahre in oberfränkischen Pfarreien tätig waren oder noch sind. Sympathisch auch, dass es auf der Ebene der „katholischen Landvolkbewegung“ (ich wusste gar nicht, dass es so etwas noch gibt) zahlreiche Besuche und Begegnungen zwischen Menschen aus Oberfranken und Thiés gibt. Wohl deshalb trafen wir dort auch drei junge Oberfränkinnen, die in Thiés ihr freiwilliges soziales Jahr im kirchlichen Kontext machen, unter ihnen Nena Sünkel aus Burgkundstadt – der berühmten Heimatstadt Elkes.

Mein Resümee

Mein persönliches Fazit zu unserer kurzen Senegalreise: Wir trafen im Land auf sehr freundliche, hilfsbereite und unkomplizierte Gastgeber, die uns Einblick gaben in ihre engagierte kirchliche Arbeit und – dies allerdings weit weniger – in den Alltag der Menschen dort. Manche Projekte, die wir besuchen durften, waren vorbildlich, andere warfen schon Fragen nach dem Sinn und Zweck auf – und nach der Nachhaltigkeit solcher Entwicklungsvorhaben. Bei einigen Stationen unseres Besuchsprogramms hätten wir gerne mehr erfahren, bekamen aber nur zögerliche Auskünfte. Allerdings waren wir auch zu kurz dort, um wirklich „hinter die Kulissen“ schauen zu können. Und, wie ein Teilnehmer meinte, wir haben’s sehr katholisch gesehen. Na klar, schließlich waren wir ja „im Auftrag des Herrn unterwegs.“ Alles in allem war diese Reise ein intensives Erlebnis, voller nachwirkender Bilder und Eindrücke. Ich bin gespannt, was wir Teilnehmenden daraus machen und wie es nun weitergeht. Die Wege des Herrn sind bekanntlich ja unergründlich…

2018: Aufbruch zu Neuem

Das Jahr 2017 ist vorbei, damit auch unser Trip um die Welt. 19 Monate unterwegs zu sein, ohne festen Wohnsitz, dafür mit immer neuen Eindrücken und Begegnungen in den verschiedensten Ländern und Erdteilen – das war eine grandiose Erfahrung. Wir sind uns einig: Das war das Beste, was wir tun konnten. Diese Entscheidung war goldrichtig!

Allerdings hat unser Leben dadurch auch seine Richtung geändert. Wir leben bewusster, wohl auch intensiver. Und wir sehen manche Dinge aus einem anderen Blickwinkel. Das hat auch dazu geführt, dass uns manches hierzulande fremd geworden ist: Sei es die – aus unserer Sicht – eigentümlich respektlose, ja unfreundliche Art und Weise des Umgangs miteinander, die verbreitete Rechthaberei, die eigenartig unzufriedene Grundstimmung. Auch das politische Klima ist spürbar rauer geworden, der Ton lauter und schärfer, vor allem im rechten Lager. Vielleicht liegt es aber auch nur daran, dass wir sensibler als früher darauf reagieren. Wir nehmen uns jedenfalls vor, gelassen und optimistisch zu bleiben.

Sehr eigene Erfahrungen

Wir sind nach wie vor sehr dankbar, dass wir auf unserer Tour immer gesund geblieben sind. Wichtig war auch die Erfahrung, wie wenig wir eigentlich zu einem glücklichen Leben brauchen. Wir haben die Masse an Dingen, die den Alltag hier ausmachen, jedenfalls nicht vermisst. Auch nicht vermisst haben wir die vertrauten bürokratischen Zumutungen wie Steuererklärung und Versicherungsabrechnung und die aufwändige Planerei des Alltags. Wie viel Zeit das frisst! Was uns hingegen riesig freut, sind die zahlreichen Menschen, die uns via Blog oder auf anderen Wegen auf unserer Reise begleitet – und auch ermuntert – haben. Und auch danach. Niemals hätten wir gedacht, dass wir so viele Klicks (immerhin schon knapp 58.000) bekommen würden. Besonders haben wir uns über jeden Kommentar gefreut – und sei er auch noch so kurz. Für uns war die unmittelbare Resonanz auf unsere Beiträge nicht nur ein schönes Lebenszeichen aus der Heimat, sondern auch ein Signal der aktiven Anteilnahme. Generell gesprochen ist Resonanz ja letztlich das, was wir von anderen, vor allem von unseren Freunden erhoffen oder erwarten – und natürlich gilt das auch umgekehrt.

Neue Freundschaften

Neue Freundschaften sind unterwegs und auch zuhause entstanden, alte haben sich gefestigt – oder manche auch gelockert. Natürlich freuen wir uns, wenn wir hier von unserer Reise erzählen können. Doch wir machen derzeit die Erfahrung, dass sich das Interesse sehr in Grenzen hält – ausgenommen bei Freunden, die selbst schon viel unterwegs gewesen und immer wieder mal zu neuen Ufern aufgebrochen sind. Vielleicht hängt das ja damit zusammen, dass die Erfahrungshorizonte sich auseinander entwickelt haben. Vielleicht sind wir manchen ja auch selbst fremd geworden. Deswegen erzählen wir eher wenig – und empfinden das mittlerweile auch als ganz normal. Das „Schwelgen in Erinnerungen“ liegt uns ohnehin nicht so. Gestern, am Silvesterabend, haben wir uns tatsächlich das erste Mal gemeinsam Fotos von unserer Reise angeschaut.

Züricher Freunde: Karin und Beni aus der Schweiz haben wir in Laos kennengelernt und haben sie nun in Zürich besucht.

Vieles ist offen

Nun gilt es für uns, sich neue, gemeinsame Ziele zu stecken. Wie viel Aufbruch, wie viel Veränderung muten wir uns selbst (weiterhin) zu? Oder wollen bzw. brauchen wir jetzt wieder mehr Alltag, mehr Vertrautes, mehr Beständigkeit? Vieles ist derzeit noch offen: Wie genau wir leben wollen. Und wo. Gibt es ein neues Projekt, das uns gemeinsam begeistern könnte? Wenn ja, starten wir das dann hier – oder doch im Ausland?

Da wir noch bis März 2018 in unserem Winterquartier in Konstanz bleiben werden, haben wir noch etwas Zeit für die Klärung.

Klar ist bislang eigentlich nur, dass wir auch weiterhin viel reisen wollen. Elke würde ohnehin lieber heute als morgen nach Kapstadt fliegen. Oder mit einen orangen VW-Bus durch Europa fahren. Ich hingegen hänge der Idee an, zu Fuß eine längere Alpendurchquerung von Ost nach West zu machen. Oder mit einem Boot von der nördlichen Adria bis in die Ägäis segeln. Man wird sehen, was uns das Jahr 2018 bringt. Unser derzeitiger Lieblingsspruch kann uns dabei vielleicht leiten:

„Kühner als das Unbekannte zu erforschen kann es sein, Bekanntes infrage zu stellen“ (frei zitiert nach Paul Watzlawick )

„Unser erstes Mal“ als neue Rubrik

Da wir vieles auf unserer Reise das erste Mal gemacht haben, wollen wir darüber auch in diesem Blog berichten und haben die neue Rubrik „unser erstes Mal“ eingerichtet. Lasst Euch überraschen, welche Geschichten von unserer Weltreise wir da so erzählen werden. Für uns beide war (und ist) es auf jeden Fall immer wieder eine schöne Erfahrung, Neues auszuprobieren – egal, wie gut oder schlecht wir uns dabei anstellen. Demnächst also dazu mehr.

Auch das Reisen bleibt natürlich ein Thema: Da ich im Januar an einer „Multiplikatorenreise“ in das westafrikanische Land Senegal teilnehmen werde, möchte ich auch darüber berichten. Seit zehn Jahren besteht nämlich zwischen der Diözese Thiés im Senegal und der Erzdiözese Bamberg eine Partnerschaft. Mit Siegfried Grillmeyer, dem Leiter der Akademie caritas-pirckheimer-haus in Nürnberg und Organisator der Reise, werde ich die Möglichkeit bekommen, in die Komplexität afrikanischer Lebenswelten fernab touristischer Wege einzutauchen und einige Sozial- und Bildungsprojekte zu besuchen. Ich bin gespannt, was mich dort erwartet! Einen Bericht wird es in der Rubrik Afrika geben, denn wir haben unsere Artikel nun nach Kontinenten im Menü geordnet.

Alles Gute für 2018

Wir wünschen euch von Herzen alles Gute für 2018, natürlich Glück und Gesundheit, aber auch viele schöne Reisen und spannende neue Erfahrungen.

Stürmische Heimkehr

„Sturmtief Herwart fegt über Deutschland.“ So titelte die Tagesschau – und wir waren mittendrin. Eigentlich sollte unsere Transatlantik-Passage mit der Queen Mary 2 gestern Abend in Hamburg enden, heute wollten wir schon in Berlin bei Hannah und Lissy sein. Doch das Wetter wollte es anders…

Über weite Teile von Norddeutschland zog Sturmtief Herwart in der Nacht hinweg und brachte Böen in Orkanstärke mit sich. Unser Kapitän hatte uns schon mittags darauf vorbereitet, dass die See im Lauf des Tages rauer werden wird.Und sie wurde so rau, dass die Hamburger Hafenbehörde uns aus Sicherheitsgründen die Einfahrt in die Elbe nicht erlauben konnte. Wir hatten also eine ziemlich stürmische Nacht und verbrachten heute einen zusätzlichen Tag am Schiff.

Seit dem späten Nachmittag hat sich die Lage zum Glück beruhigt, hin und und wieder kam sogar die Sonne durch. Gegen 14 Uhr fuhren wir dann schließlich von der Nordsee in die Elbe ein und nähern uns jetzt langsam dem Hamburger Hafen. Um 21 Uhr sollen wir dort einlaufen, noch ein letztes Mal im sicheren Hafen übernachten und morgen an Land gehen.

Die Weltreise ist damit wirklich zu Ende – mit einer ziemlich stürmischen Rückkehr nach Deutschland. Wer weiß, wofür das ein Zeichen ist?

“Keiner kommt von einer Reise so zurück, wie er weggefahren ist.“(Graham Greene)

Mit der Queen Mary 2 über den Atlantik

„Good afternoon ladies and gentlemen – this is your captain.“ Mit diesen Worten beginnt Christopher Wells jeden Mittag pünktlich um 12 Uhr seine offizielle Durchsage. Wir befinden uns an Bord der Queen Mary 2 auf der letzten Etappe unserer Reise um die Welt. Nun geht es „nur noch“ von New York nach Hamburg, einmal quer über den Atlantik. Neun Tage dauert diese Reise mit dem Schiff statt neun Stunden mit dem Flugzeug. Ganz bewusst haben wir uns für diese langsame Art des Reisens entschieden, denn wir wollen uns behutsam der alten Heimat und der Rückkehr in ein normales Leben nähern.

Entdeckt haben wir die Schiffspassage – wie so viele Dinge auf dieser Reise – durch einen Zufall. Als wir im April dieses Jahres zum zweiten Teil unserer Weltreise aufbrechen, sehe ich im Flugzeug von Madrid nach Buenos Aires eine Anzeige. Im Bordmagazin wirbt die Reederei Cunard Lines für ihre unterschiedlichen Transatlantik-Passagen – und bietet im Oktober besonders günstige Kabinen an. Wer mich kennt, weiß, dass ich Schnäppchen liebe – und so nehme ich die Anzeige mit in unser airbnb-Apartment in Buenos Aires. Wir erkunden die Stadt, wir nehmen Spanischunterricht, wir wagen einen Tangoabend – und wir sprechen hin und wieder über das Schiff: Wollen wir uns jetzt schon festlegen, wann wir zurückfahren? Hat das Angebot einen Haken? Passt diese Art des Reisens zu uns?

Nach einigem Hin und Her, entscheiden wir uns dafür, schließlich wollen wir auf der Reise auch immer wieder Neues ausprobieren. Und die Vorstellung, am Ende ganz langsam nach Hause zu fahren und noch einmal Zeit zum Nachdenken zu haben, spricht uns an. Über Herbert Bröckel, unseren Reiselotsen in Deutschland, buchen wir die Passage, wissen alles bestens geregelt und erkunden Lateinamerika auf eigene Faust.

Ein echter Ozeandampfer

Inzwischen ist es sieben Monate später, und wir sind wirklich an Bord der Queen Mary 2. Zusammen mit 2.498 anderen Passagieren aus insgesamt 31 Nationen. Die meisten sind US-Amerikaner, Briten und Deutsche, denn das Schiff startet in New York, legt in Southampton an und endet schließlich im Hamburger Hafen. Offizielle Bordsprache ist Englisch, aber wir hören auch ganz viel Deutsch und lernen an Bord einige nette Landsleute kennen. Das langsame Annähern an die Heimat beginnt also schon hier.

Wir führen – bei gutem Essen und einem Gläschen Wein – angeregte Gespräche über Kunst, Kultur und Politik. Und auch unsere Kleidung verrät nicht mehr, dass wir in den letzten Wochen im Zelt übernachtet und tagsüber meist in T-Shirt und kurzen Hosen herumgelaufen sind. An Bord des Ozeandampfers gilt eine strenge Kleiderordnung – was wir bei der Buchung nicht wirklich bedacht haben – und vor allem ich mache mich in ein paar Tage vor dem Ablegen des Schiffs ziemlich verrückt. In New York suche ich ewig nach einem kleinen Schwarzen, das mir passt und bezahlbar ist. Dazu kommen dann noch Schuhe, und am Freitag morgen – nur ein paar Stunden bevor wir auf das Schiff gehen – kaufe ich mir noch panisch eine schwarze Hose und schwarze Bluse. Wolfgang nimmt das Ganze viel gelassener, kauft sich aber auch einen blauen Anzug und später an Bord noch eine Fliege (!). So sind wir gerüstet für die Abende an Bord, die formale Kleidung erfordern…

An Pier 12 in Brooklyn wird es ernst

Das Gute an diesen Vorgaben ist, dass ich in New York gar keine Zeit mehr habe, über die Heimreise, über das Ende der Weltreise, über das Leben danach nachzudenken. Viel lieber genieße ich New York in vollen Zügen – und erst als wir in das Uber-Taxi steigen, das uns zum Pier 12 in Brooklyn bringt, werde ich deswegen nervös. Sind wirklich schon eineinhalb Jahre vorbei? Wie wird es zuhause sein? Können wir nicht einfach in New York bleiben? Fragen über Fragen schießen mir durch den Kopf während ich aus dem Fenster schaue und wir von Harlem an Manhattan vorbei nach Brooklyn fahren. Gestern sind wir noch – wie Hunderte andere Touristen – von Brooklyn nach Manhattan über die Brooklyn Bridge gelaufen, heute fahren wir mit dem Auto in die andere Richtung und sehen von der Brücke aus die Queen Mary 2 am Pier liegen. Ein stolzes und schönes Schiff. Ein Schiff, auf das der Begriff Ozeandampfer noch zutrifft.

Bei strahlendem Sonnenschein checken wir am 20. Oktober nachmittags um 15.30 Uhr ein. Die Formalitäten gehen schnell und absolut unkompliziert über die Bühne, obwohl wir aus den USA ausreisen. Und schon eine halbe Stunde später sind wir in unserer Kabine mit der Nummer 4101 und finden eine kleine Flasche Sekt zur Begrüßung. So kann es gerne weiter gehen…

Mit Blick auf die Freiheitsstatue und die Skyline von Manhattan stoßen wir an und legen ein paar Stunden später vor dieser wunderbaren Kulisse ab. Inzwischen ist es dunkel geworden, und wir sehen zum Abschied das Lichtermeer von Manhattan, die beleuchtete Brooklyn Bridge und das Empire State Building, dessen Spitze heute lila strahlt.

Pianomen aus dem Allgäu

Abends gehen wir zum ersten Mal in das schicke Britannia Restaurant, in dem nun jeden Abend ein Tisch für uns reserviert ist. Das viergängige Menü hier ist auch in der vegetarischen Variante sehr gut. Und danach können wir jeden Abend aussuchen, ob wir noch einen Drink in der Bar nehmen (immer), uns ein Musical im Bordtheater (manchmal) anschauen oder zum Maskenball (nie) gehen. Das Programm ist bunt und bietet jeden Tag die unterschiedlichsten Veranstaltungen. Uns beeindrucken vor allem die Vorträge von Mark Landler, er ist Journalist der New York Times und seit Jahren deren White House Correspondent.

Und wir genießen die beiden Konzerte von Pianotainment von Stephan Weh und Marcel Dorn. Im Cafe lernen wir die beiden „Jungs“ aus dem Allgäu, die mit ihrem Programm um die ganze Welt reisen, später auch noch persönlich kennen.

Europa rückt näher

Inzwischen ist schon Tag fünf unserer Seereise angebrochen. Kapitän Wells erläutert uns – gewürzt mit einer Prise britischen Humors – dass wir seit New York schon 2.300 Seemeilen zurückgelegt haben und damit zum ersten Mal auf dieser Seereise näher an Europa als am amerikanischen Kontinent sind. Die Stelle, an der die Titanic vor 105 Jahren gesunken ist, haben wir übrigens schon vorgestern Nacht ohne Zwischenfälle passiert. Jeden Tag nach der Durchsage des Kapitäns wird die Uhr um eine Stunde vorgestellt. Aus 12 Uhr mittags wird ganz schnell 13 Uhr Bordzeit. Der Zeitunterschied zur Heimat wird jeden Tag ein bisschen weniger, die Tage vergehen schnell an Bord – und am Sonntag wird unsere Reise dann wirklich zu Ende sein.